Flucht ist kein Abenteuer

Wissenschaftler untersuchten die Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge – und weisen auf deren oft unverstandenes Leid hin.

Geschätzte 60.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind seit dem Jahr 2014 nach Deutschland gekommen. Sie sind nicht von Abenteuerlust getrieben nach Europa aufgebrochen, sondern wurden in den meisten Fällen von ihren Eltern geschickt – geschickt, um in Sicherheit vor Krieg und Bomben oder der Rekrutierung durch Milizen zu sein.

Kongressbeitrag

Prof. Elisabeth Rohr, Professorin für interkulturelle Erziehung an der Philipps-Universität Marburg, untersuchte im Rahmen ihrer Forschung Kinder und Jugendliche in Lateinamerika, die in einer ähnlichen Situation waren. Im Rahmen des vom 3. bis 6. März 2016 in Berlin stattfindenden Kongresses „Migration und Rassismus“ wird sie erklären, welche pädagogischen und psychologischen Betreuungsansätze sich aus ihren Studien ableiten.

Trennung als todesähnliche Erfahrung

„Die erzwungene Trennung von den Eltern, den Großeltern und Geschwistern ist hochbelastend“, so Elisabeth Rohr, und könne von den Kindern kaum bewältigt werden – zumal diese nicht wüssten, ob und wann sie die Familie wiedersehen werden. „Die Trennungssituation ist für viele Kinder eine todesähnliche Erfahrung. Emotional gesehen, sterben die Eltern für sie.“ Noch gibt es nur wenige Studien zu diesem Thema. Aus Lateinamerika weiß man aber, dass die Suizidrate unter durch Migration von den Eltern getrennten Kindern und Jugendlichen höher ist als im Durchschnitt der Generation.

Erwartete Dankbarkeit als zusätzliche Belastung

Eine zusätzliche Belastung entsteht Rohr zufolge dadurch, dass von den nach Europa geschickten Kindern Dankbarkeit für die große Chance erwartet wird, die die Eltern oft sehr viel Geld gekostet hat. „Sie dürfen nicht sagen, dass sie vieles ganz furchtbar finden, dass sie einsam sind, obwohl sie mit Hunderten anderen zusammen in einer Unterkunft leben, dass sie nicht klar kommen mit dem Alltag und dass ihre Chancen viel geringer sind, als die Eltern es sich ausgemalt haben.“

Hinweise zum Umgang mit Betroffenen

Helfen könne man den betroffenen Kindern am besten, indem man ihre Trauer wahrnehme und Verständnis zeige, sich zum Beispiel nicht darüber mokiere, dass sie immer wieder mit ihrem Smartphone zugange seien. „Ja, was denn sonst, wenn ein Kind oder Jugendlicher zum ersten Mal von seiner Familie getrennt ist? Vor allem aber sollten wir von ihnen nicht verlangen, dass sie uns auch noch dankbar sind.“ Diese Dankbarkeit sollten die Gesellschaft, aber auch die einzelnen Betreuer nicht einfordern. Zudem gelte laut Rohr: „Die Kinder brauchen Zeit, sie brauchen unsere Geduld und nicht sofort gebündelte Aktivität – von Sport bis Therapie. Als Angebot: ja; als verordnete Maßnahme: nein.“ Wenn ihre Trauer unterbunden, nicht erlaubt oder nicht akzeptiert werde, könne die Integration von unbegleiteten Minderjährigen nur schwer gelingen.

25. Februar 2016
Quelle: Neue Gesellschaft für Psychologie – Christa Schaffmann
Symbolfoto: © Lydia Geissler – Fotolia.com


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