Flüchtige Schönheit

Attraktive Gesichter werden schneller vergessen als unattraktive. Zu diesem überraschenden Ergebnis kam eine Studie von Psychologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Glatte, makellose Haut, große Augen, volle Lippen und eine schmale Nase: Diese Merkmale werden im Allgemeinen als attraktiv empfunden. Und sie ziehen die Blicke auf sich.  Menschen mit einem schönen Gesicht – so sollte man annehmen – müssten anderen daher eher im Gedächtnis bleiben. Psychologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena kamen in einer aktuellen Untersuchung allerdings zu anderen Ergebnissen.
Im Rahmen ihres Experiments zeigten die Forscher ihren Versuchspersonen für wenige Sekunden Fotos von Gesichtern. Diese waren zuvor in einer unabhängigen Studie je zur Hälfte als eher attraktiv oder eher unattraktiv, aber gleichermaßen markant eingeschätzt worden. Die Probanden hatten die Aufgabe, sich die gesehenen Gesichter möglichst gut einzuprägen, um sie in der anschließenden Testphase wiederzuerkennen. Zusätzlich erfassten die Forscher die Gehirnaktivität ihrer Probanden mit Hilfe der Elektroenzephalographie (EEG).
Es zeigte sich, dass sich die Versuchspersonen in der Testphase eher an die unattraktiven als an die attraktiven Gesichter erinnerten – zum Erstaunen der Wissenschaftler. Denn auch sie waren zuvor davon ausgegangen, dass es für Menschen generell leichter sein müsste, sich als attraktiv empfundene Gesichter einzuprägen – einfach weil schöne Gesichter lieber betrachtet werden. Die neuen Erkenntnisse zeigen nun aber, dass ein solcher Zusammenhang nicht einfach herzustellen ist.
Als Ursache für den beobachteten Erinnerungsvorteil unattraktiver Gesichter vermuten die Jenaer Psychologen emotionale Faktoren: So zeigten sich während der Lernphase in den EEG-Aufzeichnungen intensivere Reaktionen auf Fotos von attraktiven Gesichtern – ein Effekt der meist im Zusammenhang mit affektiven Prozessen auftritt. Diese könnten möglicherweise das Lernen stören und somit späteres Wiedererkennen erschweren.
Zusätzlich ergab die Untersuchung der Jenaer Psychologen einen weiteren interessanten Nebenbefund: Im Fall von attraktiven Gesichtern ermittelten die Forscher deutlich mehr falsch positive Ergebnisse. Das heißt, die Probanden gaben in der Testphase öfter an, ein Gesicht zu kennen, obwohl sie es zuvor noch nicht gesehen hatten. Scheinbar neigten die Probanden dazu zu glauben, dass sie ein Gesicht erkannten, einfach weil sie es attraktiv fanden.
Obwohl die Ergebnisse dafür sprechen, dass schöne Gesichter deutlich weniger ausgeprägte Eindrücke im Gedächtnis hinterlassen als unattraktive, betonen die Forscher: Dies gelte nach ihren Erkenntnissen nur für Gesichter ohne besonders auffällige Merkmale. Obwohl es so ist, dass eher durchschnittliche, symmetrische Gesichter als attraktiv empfunden würden, zeichnen sich als besonders anziehend empfundene Menschen häufig durch zusätzliche Merkmale aus, die sie wiederum vom Durchschnitt abheben. Und eben diese garantierten letztendlich doch einen hohen Wiedererkennungswert.

Literatur
Wiese, H., Altmann, C. S. & Schweinberger, S. R. (2014). Effects of attractiveness on face memory separated from distinctiveness: Evidence from event-related brain potentials. Neuropsychologia, 56, 26-36.


Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto © Inconnue... / stephane, Stf.O / flickr.com unter CC BY 2.0


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