Flüchtlinge im Prüfungsstress

Ein Vortrag beim Kongress „Migration und Rassismus“ beleuchtete Anhörungen im Asylverfahren aus sozialpsychologischer Sicht.

Manche Asylbewerber warten länger als ein Jahr, manche bekommen einen Anhörungstermin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bereits wenige Wochen nach ihrer Ankunft in Deutschland. Dieses laut BAMF zwei- bis fünfstündige Gespräch – Kern jedes Asylverfahrens – entscheidet über für den Flüchtling lebenswichtige Fragen: Darf er dauerhaft bleiben, erhält er eine Ausreiseaufforderung oder droht ihm gar die Abschiebung? Monique Kaulertz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialtheorie und Sozialpsychologie der Ruhr-Universität Bochum promoviert zum Thema „Erzählen und Schweigen in der Institution Asyl“. Beim Kongress „Migration und Rassismus“ der Neuen Gesellschaft für Psychologie in Berlin sprach sie über Bedingungen des Erzählens und Möglichkeiten der Kommunikation in Anhörungen von Flüchtlingen.

Atmosphäre des Erzählens

„Erzählen verlangt Zeit, Vertrauen und Sicherheit. Aber genau das haben Geflüchtete in dieser Situation nicht“, betont Kaulertz. In der Anhörung werde von ihnen die Beschreibung ihrer Fluchtgründe und ihres Fluchtweges verlangt. Dabei sollten die Geschichten in sich geschlossen, temporär gut geordnet und detailreich sein. „Die Fähigkeit, nach Krieg, Vertreibung oder Flucht eine diesen Kriterien genügende Erzählung abzuliefern, ist von Mensch zu Mensch verschieden“, so Kaulertz. Von traumatisierten Personen zum Beispiel könne man dies nicht erwarten. Aber auch andere hätten Probleme, das kritische Ereignis, das letztlich zur Flucht führte, exakt zu beschreiben, oder sie scheuten sich, Erlebnisse in der Heimat oder auf der Flucht zu schildern – sei es aus Scham oder anderen Gründen. Entsprechend kühn sei es, Detailarmut grundsätzlich als Indiz für Unwahrheiten anzusehen.

Problem der Bewertung des Gesagten

Hinzu komme, dass die befragten Personen die Anforderungen an ihre Erzählung nicht kennen und nur mit Hilfe eines Dolmetschers mit den Entscheidern kommunizieren könnten. Darum seien sie in dieser Situation möglicherweise gar nicht in der Lage, eine entsprechende Darlegung der Fluchtgründe zu generieren.
Schwerwiegend sei Kaulertz zufolge auch das Problem der Bewertung dessen, was Menschen in der Anhörung erzählen. „Sie sprechen über persönliche Erfahrungen und darüber, was sie in der jeweiligen Situation empfunden haben. Das stellt der Entscheider einer ganz anderen Art von Wissen – zum Beispiel Berichten des Auswärtigen Amtes über die Lage im Herkunftsland – gegenüber.“ Allein diese Gegenüberstellung müsse kritisch bewertet werden, denn sie stelle eine Hierarchisierung von Wissensbeständen her, die der alltagsweltlichen Erfahrung und den Ängsten der Betroffenen entgegenstehe.

Übliche Kriterien angezweifelt

Die Entscheider sollen in der Anhörung zwischen Wahrheit und Lüge, richtig und falsch unterscheiden können – so die Theorie. „Ich bestreite das und ziehe die Legitimität der Bewertung nach den üblicherweise verwendeten Kriterien in Zweifel. Diese entsprechen teilweise nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft oder werden auf fragwürdige Weise an die Erzählung herangetragen“, so Kaulertz.

8. März 2016
Quelle: Neue Gesellschaft für Psychologie – Christa Schaffmann
Symbolfoto: © Annika Strupkus


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