Fremdsprachen verändern moralische Entscheidungen

Ob ein moralisches Problem in der Muttersprache oder in einer Fremdsprache präsentiert wird, beeinflusst die resultierende Entscheidung. Zu diesem Schluss kam ein Team von Psychologen der University of Chicago (USA).

Würden Sie den Tod einer Person in Kauf nehmen, um das Leben von fünf Menschen zu retten? Diese Frage steht im Mittelpunkt des sogenannten Trolley-Problems, eines klassischen Gedankenexperiments zu einem moralischen Dilemma. Und sie bildete den Ausgangspunkt für eine Studie, die Psychologen der University of Chicago (USA) zusammen mit Kollegen der Universität Pompeu Fabra in Barcelona (Spanien) durchführten.

Töten oder den Tod in Kauf nehmen

Die Wissenschaftler präsentierten ihren Probanden das Trolley-Problem in zwei Varianten: In einer emotionalen Version, in der der Akteur auf eine Fußgängerbrücke steht und sieht, dass ein herannahender Zug fünf Menschen überfahren wird. Der einzige Weg, dies zu verhindern, ist, einen Mann von der Brücke vor den Zug zu stoßen. In einer weniger emotionalen Version ist es dem Akteur möglich, den Zug durch das Umstellen einer Weiche auf ein Gleis abzulenken, auf dem sich jedoch auch eine Person befindet. Gewöhnlich fällt es Menschen im zweiten Falle leichter, das Leben der einzelnen Person zu opfern, um die anderen zu retten.

In der vorliegenden Studie ergänzten die Wissenschaftler das Experiment um eine weitere Bedingung: Das Problem wurde den Probanden entweder in ihrer Muttersprache oder in einer Fremdsprache präsentiert. Insgesamt 725 Versuchsteilnehmer bearbeiteten das moralische Dilemma: 397 von ihnen waren spanische Muttersprachler mit Englisch als Zweitsprache, bei den 328 übrigen Probanden verhielt es sich umgekehrt.

Andere Sprache, andere Entscheidung

Es zeigte sich, dass mehr als 80 Prozent der Versuchspersonen bereit waren, den Tod eines Menschen in Kauf zu nehmen, um fünf Leben zu retten, wenn sie lediglich eine Weiche umstellen mussten. Die Sprache, in der das Dilemma präsentiert wurde, spielte dabei keine Rolle. Anders verhielt es sich jedoch bei der emotionaleren Variante des Problems: Die Teilnehmer waren in diesem Falle eher bereit, einen Menschen zu opfern, wenn sie das Szenario in einer Fremdsprache bearbeiteten, als wenn sie ihre Muttersprache nutzten.
Dieses Ergebnis konnte auch in einer zweiten Studie bestätigt werden, in der Daten aus den USA, Spanien, Korea, Frankreich und Israel eingingen: Das Nutzen einer Fremdsprache brachte Menschen dazu, eher utilitaristisch zu denken und zu entscheiden.

Zu beachten in einer globalisierten Welt

Die Ergebnisse stehen zudem im Einklang mit früheren Befunden, denen zufolge Menschen weniger emotional handeln, wenn sie eine Fremdsprache nutzen und unter anderem auch eher bereit sind, (ökonomische) Risiken einzugehen. Nach Ansicht der Forscher liege die Ursache dafür möglicherweise in der Art, wie Sprache gelernt werde. Im Gegensatz zur Muttersprache, die im vertrauten Umfeld der Familie gelernt werde, erfolge der Erwerb der Zweitsprache meist in einem wenig emotionalen Setting, wie etwa in einem Klassenraum.

Interessant seien die Ergebnisse vor allem mit Blick auf die globalisierte Welt, in der wichtige internationale Entscheidungen von den Verantwortlichen nicht selten in einer Fremdsprache getroffen werden müssten.

Literatur
Costa, A., Foucart, A., Hayakawa, S., Aparici, M., Apesteguia, J., Heafner, J. et al. (2014). Your morals depend on language. Plos One, 9 (4), e94842.


Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto © Annika Strupkus



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