Frühgeborene nicht anfälliger für psychische Störungen

Sehr früh oder sehr leicht geborene Kinder leiden nicht grundsätzlich häufiger an Angst- und affektiven Störungen als reif Geborene. Zu diesem Schluss kam eine Längsschnittstudie der Ruhr-Universität Bochum.

Die Überlebenschancen von zu früh und zu leicht geborenen Kindern haben sich heute enorm verbessert. Dennoch bestehen gewisse Risiken für gesundheitliche und Entwicklungsprobleme, insbesondere bei sehr früh Geborenen. Unter anderem war man bisher davon ausgegangen, dass sogenannte „Frühchen“ ein generell erhöhtes Risiko für Depressionen und Angststörungen haben. Dieser Annahme widerspricht nun allerdings eine deutsche Längsschnittstudie von Psychologen der Ruhr-Universität Bochum, die zusammen mit der Universitätsklinik Bonn und der University of Warwick (Vereinigtes Königreich) durchgeführt wurde.

Große Längsschnittuntersuchung


Die Wissenschaftler verglichen 200 Kinder, die vor der 32. Schwangerschaftswoche oder mit weniger als 1.500 Gramm Gewicht zur Welt gekommen waren, mit 197 reif geborenen Kindern. Im Alter von sechs, acht und 26 Jahren nahmen die Probanden an detaillierten diagnostischen Interviews teil.

Kein höheres Störungsrisiko

Im Alter von sechs Jahren ergab sich bei den betrachteten Frühgeborenen kein erhöhtes Risiko, eine Angststörung oder Depression zu entwickeln. Mit acht Jahren hatte sich das Störungsrisiko leicht erhöht und stieg bis zum Alter von 26 Jahren noch einmal an. Allerdings gab es keine statistisch bedeutsamen Unterschiede zwischen früh und reif geborenen Kindern und Erwachsenen. Denn bei Letzteren stieg das Risiko ebenfalls im Laufe der Zeit an.
Die Wissenschaftler schließen aus ihrer Analyse, dass es, anders als es frühere Studien mit kleineren Stichproben nahegelegt hatten, anscheinend kein dauerhaft erhöhtes Risiko für Angststörungen oder Depression bei Frühgeborenen gebe.

Helfen Paarbeziehungen?

In einer weiteren Analyse fand das Team heraus, dass insbesondere bei jungen Erwachsenen, die in einer Paarbeziehung lebten, ein signifikant geringeres Risiko für affektive und Angststörungen vorlag. Sehr früh geborene junge Erwachsene lebten allerdings seltener in solchen Beziehungen und waren generell sozial zurückgezogener.

Literatur
Jaekel, J., Baumann, N., Bartmann, P. & Wolke, D. (in press). Mood and anxiety disorders in very preterm/very low birth weight individuals from six to 26 years [Abstract]. Journal of Child Psychology and Psychiatry.

29. August 2017
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Symbolfoto: © Annika Strupkus