Gefühl als verbindendes Element

Eine Studie der Freien Universität Berlin zeigt erstmals einen breiten gesellschaftlichen Konsens in der emotionalen Wahrnehmung.

Mit welcher Emotion verbinden wir den Begriff „Gefährte“? Was löst das Wort „Krimineller“ in uns aus? Menschen nutzen die unbewussten affektiven Bedeutungen und Empfindungen, die sie mit bestimmten Begriffen verbinden, als eine Richtschnur, um Situationen richtig einzuschätzen und ihr Handeln an geltenden Normen auszurichten. Eine aktuelle Studie des Forschungsbereichs Languages of Emotion der Freien Universität Berlin untersuchte nun, inwieweit soziale Wahrnehmungen und Empfindungen innerhalb der deutschen Gesellschaft geteilt werden.
Die Datengrundlage bildete eine bundesweite Online-Befragung mit 2.849 Teilnehmern. Diese hatten die Aufgabe, insgesamt 909 Begriffe des sozialen Lebens aus den Wortfeldern Autorität und Gemeinschaft zu bewerten – in dem Sinne, dass sie angeben sollten, welche Gefühle die jeweiligen Worte bei ihnen auslösten. Damit ergänzt das Verfahren bisher vorherrschende Umfragemethoden zu Werten und Einstellungen, da es auf die Unmittelbarkeit und das Intuitive emotionaler Bedeutungen zielt.
Es zeigte sich, dass es alles in allem einen breiten Konsens bezüglich der emotionalen Bedeutungen gab: So wurden zum Beispiel Begriffe im Zusammenhang mit sozialen Beziehungen wie „Ehefrau“, „Lebensgefährte“ oder „Verbündeter“ von allen Befragten als angenehm und stark angesehen. Dies sei, nach Ansicht der Wissenschaftler, ein Hinweis darauf, dass nicht nur die explizite Bedeutung bestimmter Begriffe innerhalb einer Gesellschaft übereinstimme, sondern auch deren implizite Bedeutung auf der Ebene des Gefühls.
Feine Unterschiede in der Wahrnehmung ergaben sich jedoch im Zusammenhang mit der sozialen Schicht: So wurden etwa die oben genannten positiven Begriffe von Angehörigen hoher sozioökonomischer Statusgruppen tendenziell weniger positiv und stark bewertet als von mittleren und niedrigen Statusgruppen. Zudem nahmen Angehörige hoher Statusgruppen Begriffe für abweichendes Verhalten wie „Schurke“, „Störenfried“ oder „Krimineller“ als unangenehmer, stärker und aufregender – also insgesamt bedrohlicher – wahr als mittlere und untere Statusgruppen. Diese gefundenen Unterschiede erklären sich die Forscher mit den divergierenden Lebenswirklichkeiten in den verschiedenen sozialen Milieus.
Entsprechend ihrer emotionalen Bedeutung wurden die Begriffe in der Auswertung zu sogenannten „Clustern“ zusammengefasst: Dabei ergaben sich bedeutungsvolle Cluster wie „institutionelle Autoritäten“, „nahestehende Personen“ oder „unsoziale Personen“.
Die Wissenschaftler sehen in ihrem Ergebnis einen Beleg für die große Relevanz von Gefühlen im gesellschaftlichen Zusammenleben. Gleichzeitig seien die feinen Unterschiede in den emotionalen Bedeutungen ein Hinweis auf bedeutsame schichtspezifische Wahrnehmungsmuster und Verhaltensweisen.

Literatur
Ambrasat, J., Von Scheve, C., Conrad, M., Schauenburg, G., Schröder, T. (in press). Consensus and stratification in the affective meaning of human sociality. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America.


Quelle: Freie Universität Berlin
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