Gegen den eigenen Nachwuchs

Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum warfen in einer aktuellen Studie einen kritischen Blick auf Karrieremöglichkeiten im deutschen Hochschulsystem.

Grundsätzlich befristete Arbeitsverträge, Beschäftigung oft nur für kurze Zeit: Die Arbeitssituation des wissenschaftlichen Nachwuchses an deutschen Hochschulen wird oft als prekär bezeichnet. Zu Recht, wie Forscher der Ruhr-Universität Bochum nun feststellten. Sie führten im Rahmen einer aktuellen Studie ausführliche Interviews mit verschiedenen Mitgliedern des Hochschulsystems – von jungen Nachwuchsforschern bis hin zu Universitätspräsidenten. Auf Grundlage der so gesammelten Daten beleuchteten sie die Karrierebedingungen im deutschen Hochschulsystem.

Keine strategische Planung

Aus den Ergebnissen wurde deutlich, dass es – anders als in Unternehmen – im Hochschulsystem kaum eine strategische Berufsplanung gibt: Junge Wissenschaftler wählen nicht das Forschungsgebiet, das am erfolgversprechendsten für die eigene Karriere scheint, sondern stehen als Person für ein Thema, dass sie besonders fasziniert und motiviert. Viele von ihnen zwingt das System irgendwann in ihrer Karriere dazu, die eigene Universität oder auch das Heimatland zu verlassen.

Unklare Karrierekriterien

Die Analyse der Daten zeigte des Weiteren, dass nicht klar ist, welche Kriterien der wissenschaftliche Nachwuchs erfüllen muss, um es bis zur Professur zu schaffen. Selbst die an sich transparenten Forderungen nach der Einwerbung von Drittmitteln, nach Publikationen, internationaler Reputation und Lehrerfahrung sind nicht eindeutig quantifizierbar. Zudem spielen nicht objektive Faktoren, wie etwa persönliche Beziehungen, eine entscheidende Rolle. Als besonders wichtig für den weiteren Berufsweg bezeichneten Nachwuchswissenschaftler ihren Betreuer während der Promotion. Dessen ermutigende Rückmeldungen, ebenso wie die Bestätigung durch Kollegen auf Konferenzen, waren eine bedeutsame Quelle von Zuversicht – und das deutlich mehr als Auszeichnungen oder Stipendien.

Schwierige Bedingungen selbstverständlich

In Sachen Personalrekrutierung, so schließen die Forscher aus ihren Ergebnissen, kämpfe das deutsche Universitätssystem derzeit eher gegen den eigenen Nachwuchs als für ihn. Dennoch betrachteten viele Nachwuchskräfte die schwierigen Bedingungen als selbstverständlich: Sie akzeptierten diese in der Hoffnung, dass sich später alles zum Guten wenden werde.

12. Mai 2015
Quelle: Ruhr-Universität Bochum
Foto: © RUBIN – Gorczany