Glaubwürdig emotional

Eine aktuelle Studie von Psychologen der Universität Göteborg zeigt, dass angehende Juristen emotional vorgetragene Zeugenaussagen von Kindern als glaubwürdiger beurteilen.

In Fällen von Kindesmissbrauch oder -misshandlung müssen sich Polizei und Gericht, mangels Zeugen und technischer Beweise, häufig ausschließlich auf die Angaben des Opfers verlassen. Entsprechend werden hohe Anforderungen an die befragenden Personen gestellt, wenn es um die Beurteilung der Glaubwürdigkeit der Aussage geht. Rechtspsychologen der Universität Göteborg untersuchten in einer aktuellen Studie nun, inwiefern gezeigte Emotionen die Einschätzung der Glaubwürdigkeit beeinflussen können.
Im Rahmen ihres Experiments spielte entweder ein Junge oder ein Mädchen das Opfer von Gewalt durch ältere Mitschüler. Die Befragung zu den Schikanen durch die Polizei wurde jeweils in zwei Versionen auf Video aufgezeichnet: In einem Fall berichteten die Kinder in neutraler Art und Weise, im anderen zeigten sie deutliche Anzeichen von Verzweiflung: Sie schluchzten zum Beispiel oder zögerten lange, bevor sie die Fragen der Polizeibeamten beantworteten. Der Inhalt der Aussage war exakt derselbe.
Die Filme wurden anschließend 155 Jura-Studenten gezeigt, die mit den Kriterien des Obersten Gerichtshofs, wie man die Glaubwürdigkeit von Aussagen beurteilt, vertraut waren.
Es zeigte sich, dass die Studenten nicht nur mehr Mitgefühl für die emotionalen Kinder empfanden: Sie schätzten deren Aussagen auch als glaubwürdiger und ehrlicher ein. Als Ursache für den beobachteten Effekt vermuten die schwedischen Forscher die stereotype Auffassung, dass Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind, emotional bewegt erscheinen sollten.
Problematisch sei dies vor allem deshalb, weil viele Kinder ihre starken negativen Emotionen nicht zeigten, wenn sie von der Polizei verhört würden, sondern sich neutral verhielten. Dadurch bestehe die Gefahr, dass diese Kinder vor Gericht weniger ernst genommen würden. Bei der Beurteilung der Glaubwürdigkeit sei es daher wichtig, vor allem zu bewerten, was ein Kind sage und nicht, wie es das sage.

Literatur
Landström, S. Ask, K., Sommar C. & Willén, R. (in press). Children's testimony and the emotional victim effect. Legal and Criminological Psychology.


23. Juni 2014
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto © bramgino – Fotolia.com


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