Gruppenverhalten durch Bewegungen koordinieren

Wissenschaftler der Georg-August-Universität Göttingen entwickelten einen experimentellen Ansatz zur Untersuchung von Gruppenkoordination.

Im Tierreich lassen sich Gruppenbewegungen mit Hilfe der Regeln des sogenannten Schwarmverhaltens erklären: So bilden Tiere aufgrund von äußeren Umwelteinflüssen Ansammlungen und bewegen sich dann in die gleiche Richtung. Doch wie koordinieren Menschen ihre Bewegungen als Gruppe auf ein räumliches Ziel hin? Dieser Frage gingen Wissenschaftler des Courant Forschungszentrums „Evolution des Sozialverhaltens“ der Georg-August-Universität Göttingen in einer aktuellen Untersuchung nach.
Die Forscher entwickelten ein computergestütztes Spiel, das sogenannte „HoneyComb Game“, um die Koordination in einer Gruppe von insgesamt zehn Mitgliedern auf einem virtuellen Spielfeld zu untersuchen. Die Spieler hatten die Aufgabe, mit einer begrenzten Anzahl von Zügen möglichst auf einem bestimmten Spielfeld zu enden. Ihre Belohnung für das Erreichen dieses Ziels fiel umso reichhaltiger aus, je mehr andere Spieler auch auf dem Zielfeld landeten. Es war also im Interesse jedes Spielers, sich in den eigenen Bewegungen denen der anderen möglichst anzupassen. Dies musste jedoch unter extrem reduzierten Kommunikationsbedingungen geschehen: Die Gruppenmitglieder durften nicht miteinander reden und konnten sich lediglich durch ihr Bewegungsverhalten im Spiel wechselseitig abstimmen.
Dennoch zeigte sich, dass es den insgesamt 400 Probanden erstaunlich gut gelang, auch unter ausschließlich lokalen Sichtverhältnissen, ihre Bewegungen als Gruppe auf ein Ziel hin auszurichten. Es war sogar möglich, dass Minderheiten, die bestimmte Zielinformationen erhalten hatten, Mehrheiten zu diesen Zielen führten: nämlich dann, wenn sie als erste starteten und ihre Bewegungen gleichzeitig und einheitlich ausführten.
Dieses Ergebnis belege, den Wissenschaftlern zufolge, dass die Regeln des Schwarmverhaltens auf Menschen anwendbar seien: Auch komplexes menschliches Verhalten wie Führung und Koordination in einer Gruppe folge einfachen Regeln. Voraussetzung sei lediglich eine wechselseitige Wahrnehmung lokaler Bewegungen.
Die Forscher hoffen, dass sich ihre Erkenntnisse in der Praxis anwenden lassen. So sei die Möglichkeit, Gruppenverhalten über Bewegung zu koordinieren, unter Umständen auf Umgebungen übertragbar, in denen direkte Kommunikation und Sichtradien beschränkt sind. Sicherheitspersonal für Not-, Rettungs- und Sportszenarien könne möglicherweise trainiert werden, einfache Bewegungsmuster wie unmittelbares und einheitliches Agieren anzuwenden, um größere Massen von Menschen zu Ausgängen und Sicherheitsbereichen zu führen.

Literatur
Boos, M., Pritz, J., Lange, S. & Belz, M. (2014). Leadership in moving human groups. PLoS Computational Biology, 10 (4), e1003541.


Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto © Christian Müller/fotolia.com


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