Hast du jetzt Angst?

Antisoziale Verhaltenstendenzen gehen mit Beeinträchtigungen in sehr frühen, grundlegenden Verarbeitungsprozessen bei der Emotionserkennung einher, fanden Psychologen der Universität Wien heraus.

Antisoziale Menschen werden als rücksichts- und verantwortungslos beschrieben. Sie setzen sich über soziale Normen hinweg und empfinden wenig Reue oder Schuld. Und auch ihre Wahrnehmung scheint verändert zu sein: So erkennen sie emotionale Gesichtsausdrücke, wie beispielsweise ein ängstliches Gesicht, schlechter als ihre sozialeren Mitmenschen. Antisoziale Persönlichkeitseigenschaften sind besonders bei Straftätern häufig zu finden. Aber auch unbescholtene Bürger weisen diese Persönlichkeitsmerkmale zu einem gewissen Grad auf und legen zum Teil ein antisoziales Verhalten an den Tag. Die zugrundeliegenden Prozesse dieser gesellschaftlich wenig akzeptierten Verhaltensweisen waren jedoch bisher weitgehend unklar. Psychologen der Universität Wien untersuchten nun, wodurch die Emotionserkennungsdefizite antisozialer Menschen hervorgerufen werden. Dazu analysierten sie grundlegende visuelle Verarbeitungsprozesse.
In Rahmen der Studie wurden insgesamt 28 Probanden zunächst danach befragt, wie antisozial sie sich selbst einschätzten. Aufgrund deren subjektiver Einschätzungen wurden sie in zwei Gruppen eingeteilt: jene mit geringer und jene mit hoher Ausprägung antisozialer Verhaltensweisen. Anschließend spielten die Teilnehmer in einem Laborexperiment ein computerbasiertes Gewinnspiel. In diesem wurden richtige Antworten jeweils mit dem Bild eines fröhlichen Gesichts belohnt, falsche Antworten wurden hingegen durch ein ärgerliches Gesicht rückgemeldet. Während des Spiels erfassten die Wissenschaftler die Gehirnströme der Probanden mit Hilfe der Elektroenzephalografie (EEG).
Bezüglich ihres Verhaltens unterschieden sich die beiden Versuchsgruppen nicht. Doch beim Betrachten der Fotos zeigten sich im EEG deutliche Verarbeitungsunterschiede zu einem sehr frühen Zeitpunkt – in den ersten hundert Millisekunden. Spätere Verarbeitungsprozesse im EEG schienen hingegen nicht in Verbindung mit der Selbsteinschätzung zu stehen.
Den Forschern zufolge deute dies auf einen Effekt im Bereich der Verarbeitung in den sekundären visuellen Arealen hin. Anscheinend sei die visuelle Verarbeitung von sozialen Reizen bei Personen mit hoch ausgeprägten antisozialen Verhaltensweisen zwar prinzipiell intakt. Allerdings zeige sich auf einer sehr frühen, den Personen vermutlich nicht bewussten Verarbeitungsebene, dass sozialen Reizen umso weniger Aufmerksamkeit geschenkt werde, je antisozialer sich die Versuchsteilnehmer selbst einschätzten.
Die Wissenschaftler ziehen daher den Schluss, dass antisoziale Verhaltenstendenzen auf Beeinträchtigungen in sehr frühen, grundlegenden Prozessen – wie Aufmerksamkeit und Zuwendung zu Emotionen anderer Personen – zurückzuführen seien.
In weiteren Studien soll nun geklärt werden, ob diese verringerte Aufmerksamkeitszuwendung auf soziale Reize beschränkt ist oder ob sie ein allgemeines Defizit bei antisozialen Persönlichkeiten darstellt. Die Forscher hoffen, mit ihren Ergebnissen zur Weiterentwicklung der klinischen Behandlung antisozialer Verhaltensweisen beitragen zu können.

Literatur
Pfabigan, D. M., Alexopoulos, J. & Sailer, U. (2012). Exploring the effects of antisocial personality traits on brain potentials during face processing. PLoS ONE, 7 (11), e50283.

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft

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