Holocaust-Überlebende vererbten Traumata an ihre Kinder

Traumatische Erfahrungen vor der Schwangerschaft können zu epigenetischen Veränderungen bei den betroffenen Eltern und auch bei deren Kindern führen. Dies zeigte eine Studie des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München.

Epigenetik bezeichnet molekulare Mechanismen, die die Aktivität eines Gens ähnlich wie ein „Schalter“ beeinflussen, ohne jedoch zu Veränderungen der genetischen Information zu führen. Epigenetische Modifikationen, die zu einem stärkeren oder schwächeren Ablesen von Genen führen, entstehen im Verlauf des Lebens aufgrund verschiedenster Faktoren – und sie sind vererbbar: So konnte in Tierversuchen nachgewiesen werden, dass stressbedingte epigenetische Veränderungen an die Nachkommen weitergegeben werden können. Doch gilt dies auch für Menschen?

Untersuchung mit Holocaust-Überlebenden

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München gingen dieser Frage nun gemeinsam mit Kollegen vom Mount Sinai Hospital New York (USA) nach. Sie analysierten die Gene von 32 jüdischen Personen, die während des Zweiten Weltkriegs entweder in einem Konzentrationslager gefangen gewesen waren, gefoltert wurden oder sich verstecken mussten. Zudem untersuchten sie die Gene der insgesamt 22 Kinder der Betroffenen. Diese haben, wie frühere Studien zeigen, ein erhöhtes Risiko für Stresserkrankungen. Die erhobenen Daten wurden anschließend mit denen vergleichbarer jüdischer Familien verglichen, die allerdings während des Holocausts außerhalb von Europa gelebt hatten.

Stressregulierung auch bei Kindern gestört

Im Zentrum der Untersuchungen standen epigenetische Veränderungen im Gen FKBP5: Dieses bestimmt, wie wirkungsvoll der Körper auf Stresshormone reagieren kann und beeinflusst damit das gesamte Stresshormonsystem. Das FKBP5-Gen ist bei vielen Krankheiten wie beispielsweise der posttraumatischen Belastungsstörung oder der Depression verändert – wie auch bei den Holocaust-Überlebenden. In der Analyse zeigte sich, dass diese Veränderungen zudem generationsübergreifend auftraten. Dabei konnten die epigenetischen Modifikationen bei den Kindern nicht auf eigene Erfahrungen in der Kindheit zurückgeführt werden; sie schienen ausschließlich durch das Holocaust-Erleben der Eltern erklärbar.

Epigenetische Veränderung weitergegeben

Die Forschungsergebnisse geben einen Hinweis darauf, dass die gesammelten Erfahrungen während des Lebens der Eltern – und auch Umwelteinflüsse wie Stress, Rauchen oder die Ernährung – durch epigenetische Veränderungen einen Einfluss auf die Gene der Nachkommen haben könnten.

Literatur

Yehuda, R., Daskalakis, N.P., Bierer, L.M., Bader, H.N., Klengel, T., Holsboer, F. et al. (in press). Holocaust exposure induced intergenerational effects on FKBP5 methylation [Abstract]. Biological Psychiatry.

4. September 2015
Quelle: Max-Planck-Gesellschaft
Foto: © vitstudio – Fotolia.com


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