Ich denke - also spreche ich!

Die Gedanken kreisen unaufhörlich um ein bestimmtes Thema. Und obwohl das Denken zu keiner Lösung führt, kann man sich davon nicht lösen. Was geht im Kopf von Menschen vor, die zum Grübeln neigen?

Braucht der Gedanke das Wort? In der Philosophie ist der Zusammenhang zwischen Denken und Sprache vielfach diskutiert worden. In der Psychologie hingegen standen vorrangig Patienten im Mittelpunkt des Interesses: Menschen, die bestimmte unerwünschte Gedanken nicht abstellen können, weil sie beispielsweise unter einer Depression oder einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Doch auch gesunde Menschen können in unterschiedlichem Maße von Grübeleien betroffen sein. Das kennt wahrscheinlich jeder: Die Gedanken kreisen unaufhörlich um ein bestimmtes Thema, wie etwa um ein ungelöstes Problem – und obwohl das Denken zu keiner Lösung führt, kann man sich davon nicht lösen. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin sind nun der Frage nachgegangen, ob und wie sich regelmäßiges Grübeln in der Gehirnaktivität von Menschen widerspiegelt.
In Rahmen der Kognitionsstudie „COGITO“ wurden 24 junge Erwachsene (zwischen 20 und 32 Jahren) und 15 ältere Erwachsene (zwischen 65 und 80 Jahren) in 100 Sitzungen über einen Zeitraum von sechs Monaten zum Ausmaß ihres Grübelns an jenen Tagen befragt. Aus den Befragungsdaten wurde für jede Person ihre Tendenz zum Grübeln ermittelt. Zusätzlich lösten die Probanden in jeder Sitzung einige Gedächtnis- und Reaktionsaufgaben am Computer. Zweimal erfassten die Wissenschaftler die Gehirnaktivität ihrer Probanden mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT). Auch während dieser Messungen lösten die Probanden Gedächtnis- und Reaktionsaufgaben.
Es zeigte sich, dass Probanden mit einer generell ausgeprägten Tendenz zum Grübeln während der Pausen zwischen den kognitiven Aufgaben eine stärkere Aktivität in bestimmten Hirnregionen (dem linken inferioren frontalen Gyrus und dem cingulären Cortex) aufwiesen. Diese Areale werden bisher vor allem mit gesprochener Sprache oder mit stiller innerer Rede und mit Konflikten in Verbindung gebracht. Leistungsunterschiede bei der Lösung der Aufgaben zeigten sich zwischen Probanden, die selten grübeln, und Probanden, die häufig grübeln, nicht.
Die Berliner Wissenschaftler folgern, dass Grübeleien oder sogenannte intrusive, unerwünschte Gedanken in einem sprachähnlichen Format Ausdruck finden, und dass Personen, die zu solchen Gedanken neigen, möglicherweise über ausgeprägtere Prozesse der inneren Rede verfügen.

Literatur
Kühn, S., Schmiedek, F., Brose, A., Schott, B. H., Lindenberger, U. & Lövden, M. (2012). The neural representation of intrusive thoughts. Social Cognitive and Affective Neuroscience: doi: 10.1093/scan/nss047.

 

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft