Ich sehe was, was du nicht fühlst

Wie gut jüngere und ältere Erwachsene die Gefühle ihres Partners einschätzen können, untersuchten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.

Im Laufe des Erwachsenenlebens wird es nachweislich schwieriger, emotionale Gesichtsausdrücke von anderen Menschen zu interpretieren. Doch haben ältere Erwachsene deshalb generell Probleme damit, Gefühle ihrer Mitmenschen zu erkennen? Wie zuverlässig können jüngere und ältere Menschen Emotionen einer vertrauten Person, wie des eigenen Partners, einschätzen? Diesen Fragestellungen widmeten sich Wissenschaftler der Forschungsgruppe „Affekt im Lebensverlauf“ vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.
An der Studie beteiligten sich insgesamt 100 Paare im Alter zwischen 20 und 30 Jahren sowie zwischen 69 und 80 Jahren. Alle Teilnehmer bekamen zunächst im Labor Bilder vorgelegt. Sie sollten beurteilen, welche Emotionen die abgebildeten Personen zeigten.
Unter diesen Laborbedingungen bestätigte sich die in der Emotionsforschung gängige Feststellung, dass ältere Menschen emotionale Gesichtsausdrücke weniger treffsicher interpretieren.
Im Alltagstest ergab sich dann jedoch ein differenzierteres Bild: Mit Hilfe von Smartphones übermittelten die Teilnehmer sechs Mal am Tag und über zwei Wochen hinweg ihre eigenen Gefühle, während sie gleichzeitig die ihres Partners einschätzten. Zusätzlich wurde erfasst, ob der Partner gerade anwesend war oder nicht.
Wieder zeigte sich, dass es älteren Erwachsenen mitunter schwerer fiel, die Gefühle ihres Partners zu beurteilen. Dies galt aber nur für Situationen, in denen der Partner anwesend war und somit dessen emotionaler Ausdruck – wie zum Beispiel die Haltung oder die Mimik – zur Einschätzung herangezogen werden konnte. Sobald der Partner hingegen abwesend war und das Urteil ausschließlich darauf beruhte, den Partner gut zu kennen, schätzen die älteren Erwachsene die Gefühle ebenso treffsicher ein wie die jüngeren.
Die Wissenschaftler betonen, dass das Ablesen der Emotionen aus der Mimik oder dem allgemeinen Verhalten nicht der einzige Aspekt sei, der zähle, wenn es darum gehe, zu erkennen, wie es dem Partner gehe. Denn um die Gefühle anderer zu beurteilen, verließen sich Menschen nicht ausschließlich auf Gesichtsausdrücke, sondern nutzten auch zusätzliche Informationen, wie situative Gegebenheiten oder das Wissen über die betreffende Person. Und diese wichtige Fähigkeit bleibe im Alter stabil.
Somit nehme die Fähigkeit, die Gefühle anderer zu erkennen, im Laufe des Erwachsenenalters nicht, wie bisher angenommen, generell ab.
In Folgestudien der Max-Planck-Forschungsgruppe soll nun untersucht werden, welche Bedeutung die Fähigkeit, Gefühle von anderen richtig zu deuten, für soziale Beziehungen hat.

Literatur
Rauers, A., Blanke, E. & Riediger, M. (in press). Everyday empathic accuracy in younger and older couples: Do you need to see your partner to know his or her feelings? Psychological Science.


Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto © Old Couple / Ian MacKenzie, bravenewtraveler / flickr.com unter CC BY 2.0

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