Internetabhängigkeit gut behandelbar

Eine Metaanalyse der Universität Marburg gibt erstmals einen Überblick über den Stand der internationalen Forschung zur Internetsucht und ihren Behandlungsmöglichkeiten.

Ob Chatrooms, soziale Netzwerke, Online-Spiele oder sexuell gefärbte Seiten – eine Internetabhängigkeit kann viele Gesichter haben. Gemeinsam ist ihnen die pathologisch übermäßige und zwanghafte Nutzung des Internets. Den Stand der wissenschaftlichen Forschung zu diesem Phänomen fasst nun eine aktuelle Metaanalyse der Arbeitsgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie der Philipps-Universität Marburg zusammen.
Ihre Analyse basiert auf 16 internationalen Studien zum Thema Onlinesucht mit insgesamt 670 Probanden. Berücksichtigt wurden besonders auch asiatische Studien, denn vor allem in China und Korea gibt es verhältnismäßig viele Veröffentlichungen zum Phänomen der exzessiven Internetnutzung. Auch ist die Onlinesucht dort anscheinend weiter verbreitet: Während europäische und nordamerikanische Studien davon ausgehen, dass 1,5 bis 8,2 Prozent der Gesamtbevölkerung betroffen sind, liegt der Anteil Internetabhängiger unter den Erwachsenen in China bei 13,7 Prozent.
Im Hinblick auf Behandlungserfolge betrachteten die Marburger Forscher die Kriterien „Internetsucht“, „Online verbrachte Zeit“, „Depression“ und „Ängste“. Es zeigte sich, dass unabhängig von Kultur, Design und Qualität der jeweiligen Studie sowohl psychologische als auch medikamentöse Behandlungen das Suchtverhalten hinsichtlich der Mehrzahl der untersuchten Aspekte verringern konnten.
Allerdings beobachteten die Wissenschaftler einige interessante Unterschiede: So waren etwa die Behandlungserfolge in Studien mit einem größeren Anteil weiblicher Teilnehmer höher. Die Wissenschaftler führen dieses Ergebnis auf die unterschiedlichen Nutzungsziele von Frauen und Männern zurück: So seien Frauen im Internet eher auf der Suche nach Kommunikation, Männer dagegen nach Information. Folglich könne das Anliegen der Frauen eher durch Aktivitäten jenseits des Internets ersetzt werden.
Darüber hinaus wiesen nordamerikanische Studien größere Behandlungserfolge auf als chinesische oder koreanische. Die Autoren nehmen an, dass das Internet in den durch kollektivistische Werte geprägten asiatischen Staaten den jungen Menschen bei der Entwicklung einer individuellen Persönlichkeit helfe. Eine verringerte Internetnutzung bedeute für junge Asiaten deshalb einen größeren Verlust als für die Patienten in westlichen Staaten. Einen weiteren Grund für die geringeren Therapieerfolge sehen die Forscher im vergleichsweise hohen Stellenwert von Online-Spielen in asiatischen Ländern.
In der Metaanalyse gab es des Weiteren Anzeichen dafür, dass individuelle Behandlungen besser anschlugen als Gruppentherapien, und dass die Behandlungserfolge mit steigendem Alter der Probanden größer wurden. Unter den psychologischen Methoden war die kognitive Verhaltenstherapie anderen psychologischen Verfahren hinsichtlich der Reduktion von depressiven Symptomen und der online verbrachten Zeit überlegen.
Insgesamt zeigte die Marburger Metaanalyse, dass in der klinischen Praxis die Internetabhängigkeit weltweit zunehmend als eigenständige psychische Störung angesehen wird, auch wenn derzeit noch keine einheitlichen Diagnose- und Behandlungskriterien vorliegen.
Angesichts dieser offenen Fragen und der zunehmenden Fallzahlen betont Professor Dr. Jürgen Margraf, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), dass weiterhin erheblicher Forschungsbedarf im Bereich der Internetabhängigkeit bestehe.

Literatur
Winkler, A., Dörsing, B., Rief, W., Shen, Y. & Glombiewski, J. A. (2013). Treatment of internet addiction: A meta-analysis. Clinical Psychology Review, 33 (2), 317-329.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychologie

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