Internetsucht steht im Zusammenhang mit mangelnder Empathie

Eine interkulturelle Studie der Universitäten Ulm und Bonn untersuchte, inwiefern bestimmte Persönlichkeitseigenschaften mit der Abhängigkeit vom Internet einhergehen.

Im Januar 2015 starb in Taiwan ein 32-jähriger Mann an Herzversagen, nachdem er drei Tage lang fast ununterbrochen Computer gespielt hatte. Auch wenn Fälle wie dieser die absolute Ausnahme sind: Bei immer mehr Menschen stellen Wissenschaftler einen problematischen Umgang mit dem Internet fest. Betroffene schieben zu erledigende Aufgaben auf, gefährden durch Bewegungsmangel ihre Gesundheit und vernachlässigen zwischenmenschliche Kontakte, um in sozialen Netzwerken oder Online-Spielen aktiv zu sein. Warum manche Menschen anfälliger für diese Abhängigkeit vom Internet sind und warum das Phänomen häufiger in asiatischen Ländern aufzutreten scheint, ist jedoch noch nicht völlig geklärt.

Studierende in Deutschland und China

Psychologen der Universität Ulm und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn untersuchten nun in Deutschland und China, ob Persönlichkeitseigenschaften wie mangelnde Empathie oder der kulturelle Hintergrund mit einer Neigung zu Internetsucht im Zusammenhang stehen. Sie befragten insgesamt 640 Studierende in beiden Ländern zu ihren Internetgewohnheiten sowie zu ihrer Empathiefähigkeit, also dazu, wie gut diese die Gemütszustände ihrer Mitmenschen einschätzen und deren Reaktionen vorhersagen konnten.

Korrelation oder Kausalbeziehung?

In den Daten aus den Selbstauskünften zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen geringer Empathiefähigkeit und problematischer Internetnutzung – und zwar unabhängig von Alter und Geschlecht sowie auch der Kultur.
Aufgrund der querschnittlichen Natur der Befragung ist aus der Studie nicht ersichtlich, inwiefern eine kausale Beziehung bestehen könnte. Die Wissenschaftler nehmen jedoch an, dass Persönlichkeitseigenschaften wie mangelnde Empathie die Triebfeder für Internetsucht sein könnten. Denn diese formen sich über Jahre hinweg und ändern sich nicht kurzfristig.

Literatur

Melchers, M., Li, M., Chen, Y., Zhang, W. & Montag, C. (in press). Low empathy is associated with problematic use of the Internet: Empirical evidence from China and Germany. Asian Journal of Psychiatry.

13. Oktober 2015
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto: © Konstantin Gastmann 
pixelio.de

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