Kleinkinder imitieren Gleichaltrige, um dazuzugehören

Bereits Zweijährige passen ihr Verhalten der Mehrheit an – selbst wenn das bedeutet, dass sie eigene Vorteile aufgeben müssen. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

In den verschiedensten Lebensbereichen passen Menschen ihr Verhalten dem anderer an, um zu einer bestimmten Gruppe dazuzugehören. Dieses Streben nach Konformität ist für den Einzelnen nicht immer von Vorteil, spielt aber im menschlichen Sozialverhalten eine wichtige Rolle: Es stabilisiert die Gemeinschaft und hilft, sich von anderen Gruppen abzugrenzen.

Normative Konformität

Frühere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder und auch Menschenaffen sich oft an der Mehrheit orientieren, wenn sie etwas Neues lernen möchten. Ein durchaus sinnvolles Verhalten, ist doch anzunehmen, dass die Gruppe über Wissen verfügt, das einer Einzelperson nicht notwendigerweise bekannt ist. Andere Studien zeigen aber, dass Erwachsene sich manchmal auch dann der Mehrheit anpassen, wenn sie über das relevante Wissen selbst verfügen – schlicht und ergreifend deshalb, weil sie sich nicht von der Gruppe abheben wollen. Tritt diese sogenannte „normative“ Konformität auch bei Kleinkindern und Menschenaffen auf? Und geben diese, um sich anderen anzupassen, auch eigene Vorteile auf? Diesen Fragen gingen Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Zusammenarbeit mit Kollegen der Universität Jena nach.

Experiment mit Kindern und Menschenaffen

In den Experimenten der Forscher standen zweijährige Kinder, Schimpansen und Orang-Utans vor einer ähnlichen Aufgabe: Sie sollten einen Ball in eine Kiste mit drei getrennten Sektionen fallen lassen. Nur bei einer davon kam nach dem Balleinwurf eine Belohnung heraus: für die Menschenaffen eine Erdnuss, für die Kinder eine Schokoladenkugel.
Nachdem ein menschlicher oder tierischer Teilnehmer den Umgang mit der Kiste gelernt hatte, beobachtete er in einem nächsten Schritt mehrere ihm bekannte Gleichaltrige beim Balleinwurf. Diese ließen den Ball allerdings in eine andere Sektion fallen als die, aus der eine Belohnung zu erwarten gewesen wäre. War der Teilnehmer dann wieder an der Reihe, musste er sich vor den Augen der anderen für eine Sektion entscheiden.

Kinder zeigen Konformität

Es zeigte sich, dass sich die zweijährigen Kinder dem Verhalten ihrer Altersgenossen anpassten: In mehr als der Hälfte der Fälle verhielten sie sich konform – obwohl dies einen Nachteil für sie bedeutete. Schimpansen und Orang-Utans hingegen ignorierten ihre Artgenossen und blieben ihrer zuvor erlernten Strategie treu.

Eine Folgestudie ergab zudem, dass die Kinder sich vor allem dann häufiger für die gezeigte Alternative entschieden, wenn die Gleichaltrigen zuschauten. War das nicht der Fall, blieben sie eher ihrer eigenen Strategie treu. Interessanterweise machte es keinen Unterschied, ob ein oder drei Gleichaltrige die Alternativlösung präsentierten – nachgeahmt wurde sie genauso oft.

Die Forscher folgern aus ihren Ergebnissen, dass die Motivation sich anderen anzupassen beim Menschen besonders stark ausgeprägt ist und bereits sehr früh auftritt. In weiteren Studien wollen sie untersuchen, inwiefern Umweltfaktoren, wie zum Beispiel die Schulbildung oder verschiedene Erziehungsmethoden, einen Einfluss auf das Konformitätsverhalten von Kindern haben.


Literatur

Haun, D. B. M., Rekers, Y. & Tomasello, M. (in press). Children conform to the behavior of peers; other great apes stick with what they know. Psychological Science.


18. November 2014
Quelle: Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.
Foto © Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie/R. Barr


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