Macht Nestwärme träge?

Jugendliche, die besonders viel elterliche Wärme und Unterstützung erleben, engagieren sich später seltener bürgerschaftlich. Zu diesem Schluss kamen Forscher der Universität Jena.

Als freiwillige Helfer in Krisenregionen oder in sozialen Projekten arbeiten, Petitionen verfassen und sich an politischen Debatten und Demonstrationen beteiligen – für bürgerschaftliches Engagement gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten und all diese Aktivitäten sind für das Funktionieren einer Demokratie wichtig. Doch welche Faktoren bedingen, ob eine Person sich für die Gesellschaft, in der sie lebt, engagiert? Dieser Frage gingen Wissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena zusammen mit Kollegen der Universitäten Jyväskylä und Helsinki (Finnland) nach.

Untersuchung in Finnland

In ihrer Studie gingen sie davon aus, dass elterliche Wärme und Unterstützung dazu beitragen, dass Kinder bzw. Jugendliche fürsorglich, vertrauensvoll und sozial verantwortungsbewusst aufwachsen. Und dass dies wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie sich im späteren Leben bürgerschaftlich engagieren werden. Insgesamt 1.549 junge Finnen wurden ab einem Alter von 16 bis 18 Jahren über einen Zeitraum von zehn Jahren mehrfach befragt: zur wahrgenommenen elterlichen Wärme und Unterstützung, aber auch zu ihrem gesellschaftlichen Engagement.

Verbreitete Vorstellungen infrage gestellt

Zur Überraschung der Wissenschaftler zeigte sich, dass die im Jugendalter erlebte elterliche Unterstützung eine signifikant geringere politische Teilhabe nach zehn Jahren vorhersagte. Ebenso hing sie mit einer selteneren Ausübung von Freiwilligenarbeit zusammen. Ähnliche Effekte traten auch in einer deutschen Stichprobe auf. Der überraschende Befund stellt die verbreitete Vorstellung infrage, dass positives Erziehungsverhalten in jedem Fall positive Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen in nahezu allen Lebensbereichen hat.

„Gute Erziehung“ nicht ausreichend

Als Gründe für das überraschende Ergebnis vermuten die Forscher eine Mischung aus verschiedenen Faktoren: So könne es sowohl in Finnland als auch in Deutschland möglich sein, dass bürgerschaftliches Engagement nicht als notwendig angesehen werde, da in beiden Ländern der Staat viele soziale Leistungen zur Verfügung stellt. Auch könnte die emotionale Nähe zu den eigenen Eltern möglicherweise dazu führen, dass sich die jungen Menschen um die Welt außerhalb ihres eigenen Kreises nicht kümmern.

Obwohl die negativen Effekte elterlicher Unterstützung auf bürgerschaftliches Engagement nach Ansicht der Forscher nicht überschätzt werden sollten, ziehen diese das Fazit: Eine nach üblichen Maßstäben gute Erziehung alleine reiche, ohne ausdrückliche Befürwortung zivilgesellschaftlicher Werte in der Familie, nicht aus, um eine am Gemeinwesen engagierte Generation junger Erwachsener aufwachsen zu lassen.

Literatur

Pavlova, M.K., Silbereisen, R.K., Ranta, M. & Salmela-Aro, K. (in press). Warm and supportive parenting can discourage offspring’s civic engagement in the transition to adulthood. Journal of Youth and Adolescence.

19. Juli 2016
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Symbolfoto: © Susanne Koch


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