Macht Tanzen emotional empfindsamer?

Eine aktuelle Studie von Psychologen der City University of London legt den Schluss nahe, dass Tänzer emotional empfindsamer sind als andere Menschen.

„Der Körper des Tänzers ist die leuchtende Äußerung der Seele“, sagte Angela Isadora Duncan, eine US-amerikanische Tänzerin und Choreografin. Tatsächlich gilt Tanz in vielen Kulturen als eine Form der sozialen Interaktion und des emotionalen Ausdrucks. Psychologen der City University of London (Großbritannien) untersuchten zusammen mit Kollegen der Universität der Balearen (Spanien) nun, inwiefern geschulte Tänzer Emotionen nicht nur transportieren, sondern auch den Gefühlsausdruck anderer Menschen besser verstehen können.

Videoclips von Ballett-Auftritten


Dazu nutzten sie 48 kurze Videosequenzen von Ballett-Live-Auftritten in schwarz-weiß und ohne Ton. Die Mimik der Tänzer war in den Clips unkenntlich gemacht und die dargestellte Bewegung war entweder fröhlich oder traurig. 19 Ballett-Tänzer und 24 Personen ohne Tanzerfahrung betrachteten die Videos und wurden gebeten, ihre emotionale Reaktion zu beschreiben. Zusätzlich erfassten die Forscher mit Hilfe kleiner Elektroden den Hautleitwert während der Präsentation der Filme.

Stärkere Reaktion der Tänzer

Die Betrachtung der physiologischen Reaktion legte nahe, dass alle Probanden die in den Videos dargestellten Gefühle richtig identifizierten. Allerdings reagierten die Ballett-Tänzer sehr viel stärker darauf als die Teilnehmer der Kontrollgruppe. Zudem unterschieden die erfahrenen Tänzer in der Befragung stärker zwischen glücklichen und traurigen Tanz-Clips.

Tanz als Training der Gefühlswahrnehmung

Die Forscher schließen aus ihren Ergebnissen, dass das Training des körperlichen Ausdrucks von Gefühlen – wie zum Beispiel im Ballett oder anderen Formen des Tanzens – die individuelle Empfindsamkeit gegenüber Gefühlen, die von anderen ausgedrückt werden, erhöhen könnte. Tanzen und Bewegungstherapie könnten somit eine Rolle beim Empathietraining spielen. Fraglich bleibt, inwiefern sich die Ergebnisse auch auf Situationen verallgemeinern lassen, in denen eine Person ihre Gefühle auf andere Art und Weise – also nicht im Tanz – ausdrückt.

Literatur
Christensen, J.F., Gomila, A., Gaigg, S.B., Sivarajah, N. & Calvo-Merino, B. (2016). Dance expertise modulates behavioral and psychophysiological responses to affective body movement [Abstract]. Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 42 (8), 1139–1147.

22. Dezember 2016

Quelle: City University of London
Symbolfoto: © Ron S – pexels.com


Weitere Beiträge zum Thema


Gute Tänzer sind abenteuerlustiger


Gegen Kummer antanzen?