Meditation schärft die Sinne

Forscher der Ruhr-Universität Bochum zeigten, dass eine gezielte mentale Fokussierung während der Meditation ähnliche Lerneffekte hervorrufen kann wie körperliches Training.

Es ist bekannt, dass durch intensives Training der Sinne eine verstärkte Wahrnehmung erreicht werden kann. Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum konnten zudem zeigen, dass sogar ein passives Training entsprechende neuroplastische Prozesse auslöst: So wurde mit Hilfe eines speziellen Stimulationshandschuhs die sensomotorische Leistung von Schlaganfallpatienten verbessert. In einer neuen Studie untersuchten die Forscher nun zusammen mit Kollegen der Ludwig-Maximilians-Universität München, ob eine erhöhte Sinneswahrnehmung auch ausschließlich durch mentale Prozesse, also gänzlich ohne körperliches Training oder äußere Stimulation, erzielt werden kann.

Probanden mit Meditationserfahrung

Ihre Probanden waren 20 langjährig meditationserfahrene Zen-Schüler. Drei Tage lang meditierten diese für jeweils mindestens acht Stunden in kompletter Stille. Neben ihrer bekannten Meditationspraxis, während der im Wesentlichen Gedanken und Umgebung ohne Wertung wahrgenommen werden, praktizierten einige Teilnehmer zwei Stunden täglich eine speziell für die Studie entwickelte Finger-Meditation: In dieser Phase sollten sie sich ausschließlich auf ihren rechten Zeigefinger konzentrieren und alle spontanen Empfindungen an dieser Stelle sehr bewusst wahrnehmen.

Verbesserter Tastsinn durch spezielle Meditation

Vor und nach der Intervention wurde die sogenannte Zwei-Punkt-Diskriminationsschwelle bestimmt: Dieser Wert gibt an, wie weit zwei taktile Reize voneinander entfernt sein müssen, damit sie als getrennt wahrgenommen werden. Es zeigte sich, dass sich die Schwellen-Werte am Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand nach der Finger-Meditation um durchschnittlich 17 Prozent verbessert hatten, ein Effekt, der zudem noch 24 Stunden nach dem Versuch unverändert war. Die Teilnehmer der Kontrollgruppe wiesen hingegen keinerlei Veränderungen des Tastsinns auf. Zum Vergleich: Sehbehinderte Menschen haben einen um 15 bis 25 Prozent besseren Tastsinn als gesunde Personen.

Meditation erzielt Lerneffekte wie aktives Training

Die Wissenschaftler schließen aus diesem Ergebnis, dass die gezielte mentale Fokussierung während der Meditation ähnliche Lerneffekte hervorrufen kann wie langfristiges körperliches Training oder aktive Stimulation. Der Nachweis des großen Einflusses willentlich erzeugter mentaler Zustände ergänze das bisherige Verständnis von Lernprozessen und neuronaler Plastizität.

Literatur

Philipp, S.T., Kalisch, T., Wachtler, T. & Dinse, H.R. (2015). Enhanced tactile acuity through mental states. Scientific Reports, 5, 13549.

15. September 2015
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto: © AlexMaster – Fotolia.com


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