Missbrauch und Misshandlung verändern Immunprozesse

Eine Studie der Universität Ulm untersuchte, durch welche Mechanismen Missbrauch und Misshandlung in der Kindheit zu chronischen Entzündungszuständen führen.

Werden Kinder misshandelt, missbraucht oder vernachlässigt, finden sich noch viele Jahre danach erhöhte Entzündungswerte in ihrem Blut. Die Folgen sind nicht nur ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen, sondern auch eine Schwächung des Immunsystem und eine höhere Anfälligkeit für bestimmte altersassoziierte körperliche Erkrankungen. Bislang war unklar, welche molekularen Mechanismen dem chronischen Entzündungszustand zugrunde liegen. Psychologen der Universität Ulm identifizierten in einer aktuellen Studien nun unter anderem veränderte Prozesse in den Immunzellen, genauer gesagt in den Mitochondrien, den „Zellkraftwerken“.

Untersuchung an Frauen mit traumatischen Erfahrungen


Im Rahmen der Studie „Meine Kindheit – Deine Kindheit“ entnahmen sie 30 Frauen im Alter von 22 bis 44 Jahren Blut. Alle hatten bis zum Alter von 18 Jahren in unterschiedlichem Ausmaß emotionale und körperliche Misshandlung und Vernachlässigung oder sexuellen Missbrauch erlebt. Ihr Blut wurde unter anderem auf Entzündungsmarker und die Aktivität der Mitochondrien untersucht.

Veränderungen auf Zellebene nachgewiesen


Tatsächlich bestätigte sich in der Auswertung, dass die Frauen erhöhte Entzündungswerte im Blut aufwiesen. Zudem brachte die Analyse ans Licht, dass die chronische Entzündungsreaktion mit einer gesteigerten Aktivität der Mitochondrien einherging. Aus den Daten wurde außerdem deutlich, dass die Veränderungen auf Zellebene umso ausgeprägter waren, je schwerwiegender die Vernachlässigungs- und Misshandlungserfahrungen waren.

Dauerhaft veränderte Stressantwort


In den ersten Lebensjahren entwickelt sich die sogenannte „Stressantwort“ des Körpers als ein Zusammenspiel des Hormon-, Nerven- und Immunsystems. Diese ermöglicht uns, in akuten Stresssituationen adäquat zu reagieren. Die Ulmer Forscher vermuten, dass die Stressantwort nachhaltig verändert ist, wenn Kinder in dieser hochsensiblen Phase negativen Erlebnissen wie Missbrauch ausgesetzt sind. Die vermehrten Entzündungsprozesse und die erhöhte mitochondriale Aktivität könnten eine schützende Anpassungsreaktion des Körpers unter exzessivem und chronischem Stress sein. Langfristig führten diese aber zu einer erhöhten Anfälligkeit für bestimmte körperliche und seelische Erkrankungen.

Protektive Faktoren


Potenzielle Schutzfaktoren seien körperliche Aktivität und soziale Unterstützung: Beide seien geeignet, entzündliche Prozesse zu vermindern. In zukünftigen Untersuchungen wollen sich die Forscher diesen protektiven Prozessen zuwenden – mit dem Ziel, neue psychotherapeutische Strategien zur Behandlung und Prävention der psychischen und körperlichen Folgen von Traumata zu entwickeln.

Literatur


Boeck, C., Koenig A.M., Schury, K., Geiger, M.L., Karabatsiakis, A., Wilker, S. et al. (2016). Inflammation in adult women with a history of child maltreatment: The involvement of mitochondrial alterations and oxidative stress [Abstract]. Mitochondrion, 30, 197–207.

10. November 2016

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Symbolfoto: © Phils Photography – Fotolia.com


Weitere Beiträge zum Thema


Spuren im Erbgut


Psychotherapie lindert traumabedingte DNA-Schäden

Auch Überwindung von Traumata wird vererbt