Mit Gleichstromstimulation gegen Depressionen?

Transkranielle Gleichstromstimulation verringert bei depressiven Patienten die Ablenkbarkeit durch emotionale Reize. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler des Universitätsklinikums und der Universität Tübingen.

Menschen, die unter einer Depression leiden, gelingt es meist nur schlecht, den Einfluss negativer Informationen auf ihr Denken und Empfinden zu begrenzen. Diese mangelnde Selbstkontrolle bezüglich der Verarbeitung negativer und belastender emotionaler Signale ist von einer geringeren Aktivität des linken Stirnhirns begleitet und wird als eine wesentliche Ursache depressiver Erkrankungen betrachtet. Bei der transkraniellen Gleichstromstimulation wirkt ein schwacher elektrischer Strom durch den Schädelknochen hindurch auf das Gehirn. Der mit Hilfe von auf der Kopfhaut angebrachten Elektroden geleitete Strom ist für den Patienten kaum spürbar, hat jedoch eine aktivierende Wirkung auf den stimulierten Hirnbereich: Er verändert die elektrische Ladung auf der Membran der betroffenen Nervenzellen. Das kann ihre Erregbarkeit teilweise verstärken und teilweise dämpfen. Wissenschaftler des Universitätsklinikums und der Universität Tübingen untersuchten nun, inwiefern eine transkranielle Gleichstromstimulation bei depressiven Patienten einen Einfluss auf deren Ablenkbarkeit durch emotionale Reize hat.
Im Rahmen der Studie wurde zunächst die kognitive Kontrolle der teilnehmenden 22 Patienten im Zusammenhang mit emotionalen Reizen untersucht. Wie erwartet, ließen sich die depressiven Versuchsteilnehmer durch emotional bewegende Abbildungen stärker ablenken als durch emotional neutrale Bilder. Dies zeigte sich in schlechteren Leistungen in einem einfachen Gedächtnistest. Im eigentlichen Versuch wurde dann mit Hilfe der transkraniellen Gleichstromstimulation die bei den Patienten beeinträchtigte Aktivität im linken Stirnhirn für die Dauer von 20 Minuten gesteigert.
Es zeigte sich, dass sich die vorher beobachtete erhöhte Ablenkbarkeit durch emotionale Informationen unter dieser Behandlung nicht mehr feststellen ließ: Die Patienten erbrachten die gleichen Leistungen wie die 22 gesunden Versuchspersonen.
Die Wissenschaftler schließen aus diesem Ergebnis, dass die Patienten mit Depression durch die Stimulation wieder in die Lage versetzt wurden, den Einfluss emotionaler Informationen auf ihr Denken und Handeln zu kontrollieren. Sie hoffen, mit ihren Ergebnissen zum Verständnis der Wirkweise antidepressiver Hirnstimulationen, wie zum Beispiel auch der transkraniellen Magnetstimulation, beitragen zu können, um die entsprechenden Verfahren in Zukunft gezielter und effektiver einsetzbar zu machen.
Neuere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass eine Gleichstrombehandlung auch die Bildung neuer Verschaltungen im Gehirn fördert. Sollte sich die Effektivität dieses Verfahrens in weiteren klinischen Studien bestätigen, könnten sich Hirnstimulationsverfahren neben der Psychotherapie und der medikamentösen Behandlung als Behandlungsoption für depressive Patienten etablieren.

Literatur
Wolkenstein, L. & Plewnia, C. (in press). Amelioration of cognitive control in depression by transcranial direct current stimulation. Biological Psychiatry.

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft

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