Mit gradueller Extinktion gegen Phobien?

Regensburger Psychologen wollen durch ein neues Verfahren die Effektivität der Löschung von spezifischen Ängsten verbessern.

Die Angst vor Spinnen, vor großen Höhen oder vor dem Fliegen: Bei spezifischen Ängsten hilft es Betroffenen oft, sich dem angstauslösenden Objekt oder der gefürchteten Situation gezielt auszusetzen – nach Möglichkeit in einer sicheren Umgebung und unter Kontrolle eines Therapeuten. Ziel einer solchen Exposition ist es, einen Lernprozess in Gang zu setzen und Betroffenen zu verdeutlichen, dass die Situation an sich harmlos ist. Heute kommen im Rahmen einer Expositionstherapie auch digitale Medien zum Einsatz: Die Patienten werden am Computer oder in der virtuellen Realität mit dem Auslöser ihrer Angst konfrontiert. Allerdings treten bei 20 bis 30 Prozent der so behandelten Patienten Rückfälle auf. Ein Forscherteam vom Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Regensburg hat nun in einem Grundlagenexperiment eine Möglichkeit untersucht, die Rückfallquote zu senken.

Akquisition, Extinktion und Test auf Angstrückkehr

31 gesunde Probanden durchliefen ein Konditionierungsparadigma: In einer Akquisitionsphase wurde bei ihnen durch die wiederholte Paarung eines neutralen Reizes mit einem unangenehmen Reiz eine Angstreaktion vor dem neutralen Reiz erzeugt. Als unangenehmer Reiz wurde ein kurzer aber intensiver Luftstoß am Hals verwendet, als neutrale Stimuli das Bild einer Spinne oder eines Skorpions.
In einer anschließenden Extinktionsphase sollte die Angst wieder gelöscht werden: Dabei durchlief ein Teil der Probanden einen gewöhnlichen Extinktionsablauf, bei dem wiederholt der ursprünglich neutrale Stimulus – nun ohne den unangenehmen Reiz – präsentiert wurde. Bei den anderen Teilnehmer hingegen wurde das Auftreten des Luftstoßes allmählich reduziert, bis der unangenehme Stimulus schließlich ganz ausblieb (graduelle Extinktion). Am darauffolgenden Tag wurden die Teilnehmer darauf getestet, inwiefern sie noch auf den konditionierten Angstreiz reagierten.

Damit Angst nicht zurückkehrt

Weder in der Akquisitions- noch in der Extinktionsphase wurden Unterschiede zwischen den beiden Versuchsgruppen festgestellt. Allerdings verringerte sich durch die graduelle Extinktion das Risiko der Rückkehr der Angst im Vergleich zur Standard-Extinktion signifikant. Dieses Ergebnis deckt sich mit bereits vorliegenden Befunden aus Tierexperimenten, in denen sich das Verfahren der graduellen Extinktion als effizienter erwies, wenn es darum ging, Angst zu löschen und die Gefahr von Rückfällen zu reduzieren. Die Wissenschaftler hoffen, mit ihrer Untersuchung zur Verbesserung der Wirksamkeit der Expositionstherapie beitragen zu können – damit die Angst nicht zurückkehrt.

Literatur

Shiban, Y., Wittmann, J., Weißinger, M. & Mühlberger, A. (2015). Gradual extinction reduces reinstatement. Frontiers in Behavioral Neuroscience, 9 (254).

29. Oktober 2015
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto: © Universität Regensburg


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