Mit Psychologie gegen das Gedränge

Ein interdisziplinäres Projekt untersuchte die Dynamik von Menschengruppen – die ohne die Erkenntnisse der Psychologie nicht zu verstehen ist.

Dichtes Gedränge am Eingang oder Ausgang von Großveranstaltungen kann schnell in gefährliche Situationen münden – wie tragische Ereignisse der Vergangenheit gezeigt haben. Doch wie lassen sich solche Vorfälle vermeiden? Bisher wurden zur Simulation der Dynamik von Menschengruppen meist rein physikalische Modelle genutzt. Allerdings reichen diese allein nicht aus, um zu verstehen, wie sich Menschen im Gedränge verhalten. Daher untersuchte nun ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlern des Forschungszentrums Jülich und der Ruhr-Universität Bochum die Psychologie andrängender Menschenmassen.

Einfluss der räumlichen Gestaltung des Eingangsbereichs

Im Experiment waren 270 Probanden aufgefordert, sich vorzustellen, dass sie vor dem Eingang eines Rockkonzerts stehen und eine der letzten Karten ergattern wollen. In früheren Studien war bereits deutlich geworden, dass insbesondere in solchen Situationen schnell ein bedrohliches Gedränge entstehen kann, wenn die Fans unkontrolliert nach vorne rücken. Im ersten Durchgang des Experiments konnten die Teilnehmer denn auch ungehindert auf den Einlass zuströmen, vor dem sich schnell eine halbkreisförmige Menschentraube bildete. Im zweiten Durchgang hingegen befanden sich die Versuchspersonen in einem von Absperrgittern umgebenen Korridor.

Überraschend anders

Auffällig war die sehr unterschiedliche Personendichte in den beiden experimentellen Anordnungen: Während sich beim unkontrollierten Anstehen durchschnittlich elf Personen pro Quadratmeter tummelten, waren es zwischen den Absperrgittern maximal sechs Personen. Und das galt überraschenderweise nicht nur für den direkten Eingangsbereich, sondern auch für den Bereich davor.

Implizite Regeln in unseren Köpfen

Die Forscher betonen, dass ein solches Ergebnis sich mit keinem rein physikalischen Modell erklären lasse. Die lockere Ansammlung im Korridor müsse auf psychologische Effekte zurückgehen, in dem Sinne, dass dabei bestimmte Regeln befolgt würden. Denkbar sei, dass – ähnlich wie an der Supermarktkasse – soziale Normen dafür verantwortlich seien, dass Menschen geordnet Schlange ständen, statt zu versuchen, sich möglichst schnell einen Weg zum Ziel zu bahnen.

Trügerische Gerechtigkeit

Um mehr über die vorherrschenden Normen und Strategien zu erfahren, zeigten die Wissenschaftler anderen Probanden nachträglich Bilder und Videos von den Experimenten. Dabei wurde deutlich, dass das beobachtete Verhalten mit Unterschieden in der Wahrnehmung der Gerechtigkeit zusammenhängen könnte. Die meisten Befragten schätzten den Einlass durch den Korridor als gerechter ein. Nach Motto: Wer sich zuerst anstellt, kommt zuerst rein. Tatsächlich zeigten die Messungen allerdings, dass es zwischen den Absperrgittern ungerechter zuging als vor dem ungeschützten Eingang, dass sich dort also mehr Menschen vordrängelten. Die Forscher vermuten, dass dies vor allem darauf zurückzuführen ist, dass im dichten Gedränge ohne Gitter kein Platz dafür da ist, sich an anderen vorbei zu schlängeln.

Literatur
Sieben, A., Schumann, J. & Seyfried, A. (2017). Collective phenomena in crowds. Where pedestrian dynamics need social psychology. PloS ONE, 12 (6), e0177328.

20. Juli 2017
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto: © Forschungszentrum Jülich – Maik Boltes

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