Neues Forschungsprojekt zur motorischen Planung und Wahrnehmung

Wie objektiv ist die menschliche Wahrnehmung? Ändert sich unser Urteil über die Größe und Entfernung von Dingen, je nachdem, was wir mit ihnen vorhaben? Diese und ähnliche Fragen untersuchen Würzburger Psychologen in einem neuen Forschungsprojekt.
Eigentlich klingt die Angelegenheit recht einleuchtend: Ein Wanderer, der einen schweren Rucksack trägt und schon mehrere anstrengende Stunden Marschierens hinter sich hat, schätzt einen vor ihm liegenden Berggipfel deutlich höher ein als ein ausgeruhter Bergsteiger ohne Gepäck. Aus Sicht der Wissenschaft ist dieses Phänomen allerdings gar nicht so trivial – ganz im Gegenteil. „Damit kippt ein – man könnte fast sagen: Dogma der Kognitiven Psychologie“, sagt Wilfried Kunde, Inhaber des Lehrstuhls für Kognitive Psychologie der Universität Würzburg. Dieses Dogma versteht menschliches Verhalten grundsätzlich als Reaktionen auf Reize.

Kunde hingegen ist davon überzeugt, dass der vom Reiz zur Reaktion keine Einbahnstraße ist. Der Psychologe glaubt, dass es auch Prozesse gibt, die die entgegengesetzte Richtung nehmen, sodass unsere Handlungsabsichten unsere Wahrnehmung von Dingen beeinflussen. 
 Unter welchen Bedingungen sich das experimentell erhärten lässt, wird Kunde in den kommenden drei Jahren gemeinsam mit Dr. Waldemar Kirsch untersuchen. Kirsch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kognitive Psychologie.
 Ein geplantes Experiment wird an einem Kaffeetisch durchgeführt: Die Versuchspersonen sitzen, maximal eine Armlänge, von ihrer Kaffeetasse entfernt. Jetzt kann zum Beispiel untersucht werden, ob und wie sich bei den Versuchspersonen die Einschätzung der Entfernung zur Tasse nach einer intensiven Beanspruchung der Muskulatur ändert. „Wir werden dafür drei Gruppen von Versuchspersonen untersuchen“, sagt Waldemar Kirsch. Während die eine Gruppe ihre Trizepsmuskulatur so lange trainieren muss, bis sich eine gewisse Ermüdung bemerkbar macht, ist bei der zweiten der Bizeps gefordert und bei der dritten die Beinmuskulatur. „Wenn der Einfluss der Handlungsplanung auf die Wahrnehmung spezifisch ist, sollte sich in der Trizepsgruppe ein starker Einfluss zeigen, weil der Trizeps die Hand zum Ziel bringt“, erläutert Kirsch den Versuchsaufbau. Bei den anderen Gruppen dürfte sich kein – oder nur ein geringer – Effekt zeigen.
 
 Mehr als ein Dutzend solcher Experiment werden die Psychologen in den kommenden drei Jahren durchführen. Hinter allen steht die Frage, inwieweit Ziele, Möglichkeiten und Kosten von Handlungen die Wahrnehmung bestimmter Objekteigenschaften verändern. Am Ende der Forschungen steht im Idealfall ein Modell, das Vorhersagen über mögliche Wechselwirkungen zwischen motorischer Planung und Wahrnehmung erlaubt.
 

13. April 2011 Quelle: Informationsdienst Wissenschaft