Null Bock auf Politik?

Wie entwickelt sich die Einstellung Jugendlicher zu politischem Engagement und wie wachsen sie in ihre Rolle als „gute Staatsbürger“ hinein? Dies untersuchten Psychologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Politiker und Politik und haben bei Jugendlichen nicht immer den besten Stand. Sie gelten als abgehoben und stehen im Ruf, zu wenig für die Jugend und ihre Interessen zu tun. Psychologen der Universität Jena gingen nun der Frage nach, wann sich Jugendliche selbst politisch engagieren wollen und welche Faktoren die Entwicklung politischen Engagements beeinflussen.
Im Rahmen ihrer Studie befragten die Wissenschaftler rund 1.000 Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren über einen Zeitraum von vier Jahren regelmäßig nach ihrer Einstellung zu Politik und nach ihrer Bereitschaft, sich politisch zu engagieren.
Entgegen ihrer Erwartung fanden die Forscher heraus, dass der Anteil derjenigen, die Politik wichtig fanden und sich politisch engagieren wollten, über die vier Jahre weitgehend konstant blieb, dass also das politische Engagement mit zunehmendem Alter nicht wuchs. Auch geschlechtsspezifische Unterschiede konnten die Psychologen nicht ausmachen. Obwohl die Politik bis heute eher männlich dominiert ist, scheint die Einstellung gegenüber politischem Engagement und die Bereitschaft, sich am politischen Geschehen zu beteiligen, bei Jungen und Mädchen ähnlich ausgeprägt zu sein.
Deutliche Unterschiede fanden die Psychologen der Universität Jena allerdings, als sie die Ergebnisse getrennt nach Schulformen analysierten. Etwa die Hälfte der befragten Jugendlichen besuchte ein Gymnasium, die andere Hälfte eine Regelschule. Während die Gymnasiasten mit zunehmendem Alter eine positivere Einstellung zu politischem Engagement entwickelten und auch ihre Bereitschaft wuchs, selbst politisch aktiv zu werden, war diese Entwicklung bei den Regelschülern nicht nachzuweisen.
Die Wissenschaftler betrachten dieses Ergebnis als ein Warnsignal. Die Phase zwischen dem 12. und dem 16. Lebensjahr sei entwicklungspsychologisch sehr wichtig: In dieser Zeit entwickele sich die eigene Identität, suchten Jugendliche verstärkt nach Sinn und loteten die eigenen Spielräume aus. Dies gelte auch für die politische Orientierung. Die Forscher betonen: Wenn sich an dieser Stelle eine Schere zwischen Jugendlichen in unterschiedlichen Bildungsschichten aufmache, sei das problematisch. Schüler mit niedrigeren Bildungschancen sollten daher auch in Sachen politischer Teilhabe besonders unterstützt werden, damit sie den Anschluss an ihre Altersgenossen nicht verpassen.

Literatur
Eckstein K., Noack, P. & Gniewosz, B. (2012). Attitudes towards political engagement and willingness to participate in politics: Trajectories throughout adolescence. Journal of Adolescence, 35, 485-495.

 

Quelle: Friedrich-Schiller-Universität Jena