Placebo ist nicht gleich Placebo

Die Erwartungshaltung der Patienten kann die Wirksamkeit von Medikamenten und Placebos in klinischen Studien beeinflussen. Psychologen der Universität Marburg verglichen die Wirkung von aktiven und passiven Placebos.

In der klinischen Prüfung der Wirksamkeit von Arzneimitteln werden oft Placebos eingesetzt. Diese Scheinpräparate haben der Definition nach keine pharmakologische Wirkung, kleine Unterschiede existieren aber dennoch: So gibt es sogenannte aktive und passive Placebos. Aktive Placebos ahmen die Auswirkung eines Medikaments nach, ohne klinisch wirksam zu sein, passive Placebos verursachen hingegen keinerlei körperlichen Effekt. Ein Team von Psychologen der Philipps-Universität Marburg untersuchte in einer aktuellen Studie nun, inwiefern sich aktive und passive Placebos in ihrer Wirkung unterscheiden.
Für die Studie wurden 144 gesunde Frauen und Männer in verschiedene Gruppen eingeteilt. Allen Teilnehmern wurde mitgeteilt, dass sie ein bekanntes Schmerzmittel in einer neuen Darreichungsform, nämlich als Nasenspray, testen sollten. Einem Drittel der Probanden wurde gesagt, dass sie zu 100 Prozent den Wirkstoff erhalten würden. Wiederum ein Drittel erhielt die Information, dass sie keinen Wirkstoff, sondern ein Placebo einnehmen würden. Die übrigen Probanden glaubten, zu 50 Prozent, also in der Hälfte der Fälle, ein wirksames Präparat zu erhalten. Tatsächlich bekamen alle Versuchsteilnehmer ein Placebo verabreicht – allerdings je zur Hälfte ein passives oder ein aktives. Das passive Placebo-Nasenspray enthielt reines Sesamöl. Beim aktiven Placebo war ein sehr geringer Anteil von 0,01 Prozent Capsaicin hinzugefügt worden, jenem Stoff, der dem Chili die Schärfe gibt. Das Capsaicin verursachte nach Verabreichung ein leichtes Prickeln in der Nase und erzeugte so bei den meisten Probanden die Vermutung, ein wirksames Präparat erhalten zu haben.
Erfasst wurde die Schmerzempfindlichkeit vor und nach Verabreichung des Nasensprays mithilfe eines Geräts, das bei Hautkontakt die Temperatur sekundenweise erhöhte. Die Teilnehmer waren angewiesen, einen Stopp-Knopf zu drücken, sobald ihre persönliche Schmerzgrenze erreicht war.
Es zeigte sich, dass die Patienten, die zu 100 Prozent von einer Wirkstoffeinnahme ausgingen, nach Einnahme des Placebos eine etwas höhere Temperatur ertrugen als zuvor. In der 50 Prozent-Gruppe zeigten sich die größten Unterschiede zwischen den Probanden mit aktiven und passiven Placebos: Während die Personen mit den aktiven Placebos eine etwas höhere Temperatur ertrugen als die der 100 Prozent-Gruppe, lag die Schmerzgrenze der Teilnehmer mit passivem Placebo deutlich tiefer. Am niedrigsten war die Schmerzgrenze bei den Probanden, denen mitgeteilt worden war, dass sie keinen Wirkstoff erhalten würden. Doch selbst in dieser Gruppe war die Schmerzgrenze bei Verabreichung eines aktiven Placebos höher als bei der Verabreichung eines passiven.
Die Ergebnisse zeigen, den Wissenschaftlern zufolge, dass passive Placebos aufgrund der (negativen) Erwartungen der Patienten einen geringeren Wirkungsgrad erzeugen könnten. Besonders relevant sei diese Erkenntnis aufgrund der Tatsache, dass Zulassungsstudien für Medikamente fast ausschließlich diese Art von Placebos in der Vergleichsbedingung verwendeten. Wenn jedoch leichte Ansetzeffekte und Nebenwirkungen nur in der Medikamentengruppe aufträten, seien dort die Erwartungseffekte deutlich höher als in der Vergleichsgruppe, und täuschten damit möglicherweise einen Vorteil des Medikaments vor. Entsprechend plädieren die Marburger Forscher daher für den verstärkten Einsatz aktiver Placebos in klinischen Studien, um diesen Effekt zu vermeiden und die Ergebnisse nicht zu verfälschen.

Literatur
Rief, W. & Glombiewski, J. A. (2012). The hidden effects of placebo controlled randomized trials. Pain, 153 (12), 2473-2477.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychologie

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