Präzise erinnern

Jüngere Menschen haben ein präziseres Erinnerungsvermögen als ältere. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Vanderbilt University (USA) zu altersabhängigen Unterschieden im Speichern und Abrufen von Erinnerungen.

(12.02.2014) War es nun ein hellblaues oder ein dunkelblaues Auto, das am Unfallort gesehen wurde? Oder war es doch eher grau? Zu diesen oder ähnlichen Fragen an Unfallzeugen können möglicherweise jüngere Menschen besser Auskunft geben als ältere. Eine neue Studie der Vanderbilt University (USA) untersuchte, welche Unterschiede in Verhalten und neuronaler Aktivität bei jüngeren und älteren Erwachsenen auftreten, wenn es darum geht, Erinnerungen korrekt zu speichern und abzurufen.
Die amerikanischen Wissenschaftler konzentrierten sich dabei auf das visuelle Arbeitsgedächtnis, also die Fähigkeit eines Menschen, eine begrenzte Menge an visuellen Informationen kurzfristig zu behalten. Unter Berücksichtigung der zahlreichen Stadien von Kodieren, Speichern und Abrufen der Erinnerungen gingen sie der Frage nach, warum diese Funktion im Laufe des normalen Alterungsprozesses nachlässt.
Im Versuch zeigten die Forscher elf älteren Erwachsenen mit einem durchschnittlichen Alter von etwa 67 Jahren und 13 jüngeren Probanden im Alter von durchschnittlich 23 Jahren am Computer Bilder mit zwei, drei oder vier farbigen Punkten. Nach kurzer Präsentation verschwanden diese und einige Sekunden erschien ein neues Bild mit Punkten in den vorherigen oder neuen Farben. Die Probanden hatten die Aufgabe, mögliche visuelle Veränderungen im Bild zu entdecken. Während dieser Verhaltensmessung erfassten die Wissenschaftler zudem die Gehirnaktivität ihrer Probanden mit Hilfe der Elektroenzephalographie (EEG).
Es zeigte sich, dass die älteren Erwachsenen schlechter in der Lage waren, die visuellen Veränderungen in den Bildern zu entdecken. Allerdings ergaben sich in der neuronalen Messung kaum Unterschiede zwischen den Versuchsgruppen.
Diese Diskrepanz zwischen Verhalten einerseits und elektrophysiologischen Daten andererseits erklären sich die Wissenschafter wie folgt: Sie nehmen an, dass sowohl jüngere als auch ältere Erwachsene die gleiche Anzahl an Punkten bzw. Gegenständen abspeicherten. Jedoch ließen die Studienergebnisse den Schluss zu, dass ältere Erwachsene die Erinnerungen anders abriefen als jüngere. Zudem gebe es Hinweise darauf, dass die Qualität der Erinnerungen bei älteren Erwachsenen schlechter sei als bei jüngeren, dass also erstere Gegenstände in einer niedrigeren Auflösung speicherten. Dies könne die Ursache für eine verminderte Erinnerungsfähigkeit während des Abrufens aus dem visuellen Arbeitsgedächtnis sein. Anders gesagt: Ältere Erwachsenen speicherten zwar die gleiche Anzahl an Gegenständen, die Erinnerung daran sei aber verschwommener.

Literatur
Ko, P. C., Duda, B., Hussey, E., Mason, E., Molitor, R. J., Woodman, G. F. et al. (in press). Understanding age-related reductions in visual working memory capacity: Examining the stages of change detection. Attention, Perception & Psychophysics.

Quelle: Springer Verlag
Foto © Christmas #27 / Kevin Dooley, kevin dooley / flickr.com unter CC BY 2.0


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