Psychologie im Museum

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt „eMotion – mapping museum experience“ der Fachhochschule Nordwestschweiz untersucht, wie Menschen auf Kunstwerke reagieren – mit überraschenden Erkenntnissen.

Die Sammlung des Kunstmuseums St.Gallen zeigt ihren Besuchern unter anderem bedeutende Druckgraphiken von Dürer und Rembrandt und Meisterwerke der deutschen und französischen Malerei von Spitzweg bis Böcklin, von Delacroix bis Monet. Werke von Kirchner, Klee und Warhol vertreten die moderne Kunst. Doch welche Kunstwerke hinterlassen bei den Besuchern den größten Eindruck? Welche Atmosphäre hilft Museumsbesuchern, sich auf die Kunst zu konzentrieren? Wie viel Vorwissen ist nötig, um die Wirkung eines Werkes erschließen zu können? Diesen und weiteren Forschungsfragen geht das Projekt „eMotion – mapping museum experience“ der Fachhochschule Nordwestschweiz mit einem interdisziplinären Team aus Kunstwissenschaftlern, Psychologen, Soziologen und Programmierern seit fünf Jahren nach.

Neuartige Erhebungsmethoden

Die psychologische Wirkung des Museums und seiner Objekte auf das Erleben der Museumsbesucher wurde mit Hilfe einer Kombination neuartiger Erhebungs- und Darstellungsmethoden erfasst. So trugen die Versuchsteilnehmer während ihres Rundganges durch das Museum unter anderem ein Armband, das den gegangenen Weg, die Gehgeschwindigkeit, die Verweilzeiten sowie physiologische Daten wie die Herzrate und die Hautleitfähigkeit aufzeichnete. Ergänzt wurden diese Daten durch individualisierte Befragungen, die Kontextvariablen wie frühere Erfahrungen und Erwartungen erfasste. Insgesamt 576 Museumsbesucher nahmen an der Untersuchung teil.

Auffällige Werke fesseln mehr als bekannte

Eine grundlegende Erkenntnis des Projektes ist der Zusammenhang der ästhetisch-emotionalen Bewertung von Kunstwerken mit den erhobenen physiologischen Daten und dem räumlichen Verhalten der Besucher, der erstmals in dieser Form nachgewiesen werden konnte. Dabei wirkten einzelne Werke auf die Besucher anziehender und eindrücklicher als andere. Dies waren, wie sich zeigte, nicht immer die bekannteren, sondern oft die auffälligeren Werke. Daher war es entscheidend, in welchem Zusammenhang Kunstwerke präsentiert wurden: Je nach Gruppierung und Anordnung im Raum entstanden andere Eindrücke und Bewegungsmuster bei den Besuchern. Besonders auffällige Kunstwerke konnten dabei andere regelrecht „überstrahlen“.

Große interindividuelle Unterschiede

Deutlich wurde, dass sich die Reaktionen und das Kunsterleben interindividuell stark unterschieden, dass die Wahrnehmung verschiedener Kunstwerke also durchaus sehr subjektiv zu sein scheint. Das Vorwissen der Besucher hatte dabei jedoch einen deutlich geringeren Einfluss als bisher angenommen: Kenner und Laien zeigten ähnliche Reaktionen.

Hohe Ablenkbarkeit

Im Schnitt blieben die Betrachter nur elf Sekunden vor einem Werk stehen und erwiesen sich als sehr ablenkbar durch äußere Reize – wie zum Beispiel durch andere Museumsbesucher. Menschen, die sich beim Betrachten der Werke unterhielten, bekamen signifikant weniger davon mit.
Die Forscher verfolgen in ihrem Projekt das Ziel, eine nachhaltige Kunstvermittlung zu ermöglichen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese vor allem durch wenige ausgewählte Werke und in einer Atmosphäre des Verweilens und der Ruhe im Museum zu erreichen ist.

Literatur

Tröndle, M., Greenwood, S., Bitterli, K. & van den Berg, K. (in press). The affective effects of curatorial contextuality: How curatorial arrangements effect art reception in a fine art museum.

Tröndle, M. & Tschacher, W. (2012). The Physiology of phenomenology: The effects of artworks. Journal of Empirical Studies of the Arts, 30 (1), 79-117.

Tschacher, W., Greenwood, S., Kirchberg, V., Wintzerith, S., van den Berg, K. & Tröndle, M. (2012). Physiological correlates of aesthetic perception in a museum. Journal of Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts, 6, 96-103.


20. Juni 2012
Quelle: eMotion – mapping museum experience; dpa
Symbolfoto: © TommL - istockphoto.com