Rache – auch ungerechtfertigte – kann süß sein

Warum auch die Rache gegen Unbeteiligte Genugtuung verschaffen kann, erklären Psychologen der Philipps-Universität Marburg in einer aktuellen Studie.

Wenn jemand sich für ein erlittenes Unrecht nicht an der Person rächt, die ihm das Unrecht zugefügt hat, sondern an einem unbeteiligten Dritten, spricht die Wissenschaft von „verschobener Rache“. Aus früheren Studien ist bekannt, dass die Wahrscheinlichkeit einer solchen Tat steigt, wenn der ursprüngliche Täter und die betroffene unbeteiligte Person aus einer gemeinsamen Gruppe stammen und als einander ähnlich wahrgenommen werden. Doch handelt es sich bei der „verschobenen Rache“ um ein zielorientiertes Verhalten? Und wird sie als befriedigend empfunden? Antworten auf diese bisher ungeklärten Fragen suchten nun Psychologen der Philipps-Universität Marburg.

Rache an Tätern und Stellvertretern

In drei Untersuchungen untersuchten die Forscher Rachehandlungen an Tätern und Stellvertretern. In einer ersten Online-Studie sollten 169 Probanden im Alter von 18 bis 56 Jahren sich in den Protagonisten einer Geschichte hineinversetzen: Dieser wird ungerecht behandelt und rächt sich – entweder am Übeltäter selbst oder an einem unbeteiligten Dritten. Zusätzlich erfuhren die Teilnehmer, wie eng die Gruppe, der beide (Übeltäter und Stellvertreter) angehörten, verbunden war. In einer zweiten Online-Studie erinnerten sich 89 Probanden im Alter von 19 bis 36 Jahren an eine Situation, in der sie selbst Opfer eines Unrechts geworden waren, ohne sich jedoch zu rächen. Nun sollten sie sich vorstellen, sie würden doch noch Rache üben, und zwar wiederum entweder am Übeltäter selbst oder an einem Stellvertreter. Wie in der ersten Studie gehörten Übeltäter und Stellvertreter der gleichen Gruppe an, die entweder eng oder nur locker verbunden war.

Befriedigung durch „verschobene Rache“

Die Ergebnisse beider Studien zeigen, dass die Probanden nach direkter Rache am Übeltäter zufriedener waren und weniger Schuldgefühle hatten als nach einer „verschobenen Rache“. Auf diesem generell niedrigeren Niveau war allerdings die Zufriedenheit nach der Rache am Stellvertreter dann höher, wenn dieser mit dem Täter in einer Gruppe eng verbunden war, und deutlich niedriger, wenn die „verschobene Rache“ an einer Person geübt wurde, die nur locker mit dem Täter in Verbindung stand.

Ähnlichkeit in Aussehen und Verhalten

In einer dritten Studie wurden 72 Teilnehmer im Alter von 18 bis 30 Jahren unter Laborbedingungen untersucht. Das Ergebnis: Personen fühlen sich nach „verschobener Rache“ besonders befriedigt, wenn Übeltäter und unbeteiligter Dritter sich sowohl äußerlich als auch in ihrem Verhalten ähnlich sind.

„Verschobene Rache“ als zielorientierte Handlung

Auf Grundlage ihrer Ergebnisse gehen die Forscher davon aus, dass es sich bei einer „verschobenen Rache“ nicht um einen irrationalen Impuls oder ein willkürliches Ausleben der eigenen Frustration an irgendeiner anderen Person handelt. Vielmehr scheint es sich um eine zielorientierte Handlung zu handeln, die unter der Bedingung, dass Täter und Zielperson aus einer eng zusammengehörigen Gruppe stammen, dem Rächer Genugtuung verschaffen kann. Auch „verschobene Rache“ könne dann süß sein.

Literatur

Sjöström, A. & Gollwitzer, M. (2015). Displaced revenge: Can revenge taste „sweet“ if it aims at a different target? [Abstract]. Journal of Experimental Social Psychology, 56, 191-202.

28. Mai 2015
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs)
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