"Robin-Hood-Effekt" im Mathe-Unterricht

Das Interesse der Eltern ist wichtiger als deren Beruf, Einkommen oder Bildung, belegt eine Studie der Universität Tübingen – und zeigt zudem unterstützende Maßnahmen auf.

In Untersuchungen zu schulischen Leistungen zeigt sich häufig der sogenannte "Matthäus-Effekt". Er besagt, dass vor allem die Personen von einer (Förder-)Maßnahme profitieren, die privilegiert sind, also sowieso schon gute Voraussetzungen mitbringen. So nehmen etwa leistungsstarke Schüler im Durchschnitt mehr Wissen aus einer Unterrichtsstunde mit. Damit können sich anfängliche vergleichsweise geringe Vorteile mit der Zeit immer mehr vergrößern. Psychologen der Eberhard Karls Universität Tübingen untersuchten nun, inwiefern eine unterstützende Maßnahme zur Steigerung der Motivation in Mathematik auch Kindern helfen kann, die mit schlechteren Voraussetzungen zur Schule kommen.

Nützlichkeit des Faches Mathematik

Dafür befragten die Wissenschaftler rund 1.900 Neuntklässlern an Gymnasien in Baden-Württemberg und deren Eltern zu ihrer Einstellung zu Mathematik. Anschließend nahmen die Schüler an einer Unterrichtseinheit über die Nützlichkeit des Faches teil: Dabei wurden ihnen in einer Präsentation wichtige Informationen zur Frage vermittelt, wie und in welchen Bereichen Mathematik für ihr eigenes Leben von Bedeutung sein könnte, etwa für ihren Wunschberuf oder für bestimmte Alltagssituationen. Anschließend verfassten die Schüler entweder selbst einen Text oder werteten Zitate von jungen Erwachsenen aus, in denen es um die Nützlichkeit von Mathematik ging. Jeweils sechs Wochen und fünf Monate danach wurden die Schüler erneut zu ihrer Motivation für das Fach befragt.

Interesse für das Fach zentral

Allgemein zeigte sich, dass nicht der sozioökonomische Status der Familien, also Bildung, Beruf und Einkommen der Eltern, eine zentrale Rolle für die Motivation der Schüler spielte, sondern eher das innerfamiliäre Interesse für das Fach Mathematik. Die Intervention der Wissenschaftler hatte bei allen Schülern einen positiven Effekt, nicht nur auf die Wertschätzung für Mathematik, sondern auch auf die Anstrengungsbereitschaft und die Leistung im Fach.

Motivationslücke verringert

Zudem kam es zu einem "Robin-Hood-Effekt" in dem Sinne, dass die Motivationslücke zwischen Kindern aus unterschiedlichen Familien verringert wurde: Die Unterrichtseinheit wirkte vor allem auf die Schüler, die aus einem Elternhaus mit wenig Interesse für Mathematik stammten. Dieser Effekte zeigte sich jedoch erst nach fünf Monaten.
Die Forscher gehen davon aus, dass es einige Zeit dauere, bis das Gehörte verarbeitet und verinnerlicht sei – und dass es sich daher erst später im Verhalten äußere. Ein solcher "Sleeper-Effekt" wirke umso stärker, je mehr Zeit verstreiche.

Leistungsunterschiede verringern

Die Wissenschaftler betonen mit Blick auf ihre Ergebnisse, dass ihre Intervention gezielt helfe, die Motivationslücke zwischen Kindern aus interessierten und weniger interessierten Familien zu verringern – und damit dazu beitragen könne, Leistungsunterschiede zu verringern.

Literatur
Häfner, I., Flunger, B., Dicke, A.-L., Gaspard, H., Brisson, B. M., Nagengast, B. & Trautwein, U. (2017). Robin Hood effects on motivation in math: Family interest moderates the effects of relevance interventions [Abstract]. Developmental Psychology, 53 (8), 1522–1539.

22. August 2017
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Symbolfoto: © Stefan-Merkle – Fotolia.com


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