Sad Songs

In den vergangenen 50 Jahren ist Popmusik immer trauriger und ambivalenter geworden, stellten Wissenschaftler des Forschungsbereichs „Languages of Emotion“ der Freien Universität Berlin fest.

Die meisten Musikhörer assoziieren Lieder mit langsamem Tempo und Klängen in Moll-Tonarten mit Traurigkeit, Schwermut und Melancholie. Hingegen wirken Dur-Tonarten und schnelle Tempi beschwingt und fröhlich. Wissenschaftler der Freien Universität Berlin untersuchten nun in Zusammenarbeit mit der University of Toronto Mississauga (Kanada), wie sich die Verwendung dieser musikalischen Stilmittel im Bereich der Popmusik in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.
Zu diesem Zweck werteten sie mehr als 1.000 Titel aus, die jeweils in den letzten fünf Jahren eines Jahrzehnts – also 1965 bis 1969, 1975 bis 1979 und so weiter – erschienen waren und es am Ende des Jahres unter die Top 40 in den „Hot 100“-Charts des „Billboard“-Popmagazins geschafft hatten. Ausgewertet wurden die Titel im Hinblick auf weibliche oder männliche Künstler, Länge, Tempo und Tonart.
Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass im Verlauf der Jahrzehnte die Musikstücke in den Charts immer länger geworden sind und der Anteil weiblicher Interpreten gestiegen ist. Zudem wurden die Musiktitel in der amerikanischen Hitparade zunehmend in Moll-Tonarten komponiert: In den 1960er Jahren seien 85 Prozent der Titel in einer Dur-Tonart geschrieben gewesen – etwa die Hits „Help“ oder „She loves you“ der Beatles – heute seien es nur noch 42 Prozent. Ferner seien immer öfter langsame Tempi verwendet worden.
Des Weiteren fanden die Forscher heraus, dass heute viele Songs unterschiedlich emotional getönte musikalische Stilmittel kombinieren und deshalb ambivalent – also weder eindeutig fröhlich noch eindeutig traurig – klingen. Die Texte seien in den letzten Jahrzehnten selbstbezogener und negativer geworden.
Die Wissenschaftler schließen aus ihren Ergebnissen, dass Popmusik-Hörer heute emotional komplexere Stücke bevorzugen. Damit weise die Musikgeschichte der letzten 50 Jahre erstaunliche Parallelen zur musikalischen Entwicklung vom 17. zum 19. Jahrhundert auf: Denn während im 17. und 18. Jahrhundert eindeutig fröhlich oder traurig klingende Musik dominiert habe, habe es spätestens in der Romantik die Tendenz zu verschiedenen emotionalen Färbungen in einer Komposition gegeben. Auf diese Weise könne eine größere Skala von Emotionen in einem einzigen Musikstück ausgedrückt werden.
Eine mögliche Erklärung für die gefundene Tendenz zu trauriger Musik sehen die Wissenschaftler in kulturellen Entwicklungen, die insgesamt eine verstärkte Aufmerksamkeit für Emotionen mit sich bringen. So rückten Gefühle zunehmend in den Mittelpunkt unseres Selbstverständnisses. Zudem sei Ambivalenz eine wichtige Facette der Modernisierung. Beide Faktoren führten zu einem reflexiven Umgang mit Emotionen, der sich in der Populärmusik widerspiegele.

Literatur
Schellenberg, E. G. & von Scheve, C. (2012). Emotional cues in American popular music: Five decades of the Top 40. Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts: doi: 10.1037/a0028024.

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft