Schlafentzug führt zu Schizophrenie-Symptomen

24 Stunden ohne Schlaf kann bei gesunden Menschen zu Zuständen führen, die der Schizophrenie ähneln. Dies fand ein internationales Forscherteam unter Federführung der Universität Bonn heraus.

In vielen Berufsfeldern ist Schicht- und Nachtarbeit erforderlich – mit langfristig negativen gesundheitlichen Folgen wie Schlafstörungen, Verdauungsbeschwerden oder Herz-Kreislaufproblemen. Forscher der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn gingen nun in Zusammenarbeit mit Kollegen des King’s College London der Frage nach, wie stark sich ein Schlafentzug kurzfristig auf die menschliche Psyche auswirkt.

Im Schlaflabor untersuchten sie insgesamt 24 gesunde Probanden im Alter von 18 bis 40 Jahren. Diese schliefen zunächst eine Nacht ganz normal im Labor. Eine Woche später wurden sie dann eine Nacht über mit Filmen, Gesprächen, Spielen und kurzen Spaziergängen wachgehalten. Am Morgen schilderten die Probanden ihre Eindrücke. Zudem testeten die Wissenschaftler die Filterfunktion des Gehirns mit Hilfe eines Standardtests: Dabei ertönt über Kopfhörer ein lautes Geräusch, das eine Schreckreaktion und damit eine Kontraktion der Gesichtsmuskeln auslöst, die mittels Elektroden erfasst wird. Wird zuvor ein schwächerer Reiz als „Präpuls“ gesetzt, fällt diese Schreckreaktion in der Regel geringer aus.

Schizophrenieähnliche Symptome

Nach einer durchwachten Nacht war die Filterfunktion des Gehirns, die sogenannte Präpulsinhibition, die hilft, Reizüberflutung vorzubeugen, bei den Probanden stark reduziert: Es kam zu ausgeprägten Aufmerksamkeitsdefiziten. Die Versuchspersonen gaben zudem an, sensibler für Licht, Farbe oder Helligkeit zu sein und klagten über ein verändertes Zeitgefühl und Probleme, ihre Gedanken zu ordnen. Einzelne Personen hatten sogar den Eindruck, Gedanken lesen zu können oder veränderte Körperwahrnehmungen zu bemerken.

Das Ausmaß der Beschwerden überraschte die Wissenschaftler: Obwohl nach einer durchwachten Nacht mit Beeinträchtigungen des Konzentrationsvermögens zu rechnen sei, sei das Spektrum der gefundenen Symptome erstaunlich. Sie seien vergleichbar mit denen, die typischerweise bei einer Schizophrenie aufträten. Bei dieser schweren psychischen Erkrankung leiden Betroffene unter Denkstörungen sowie Verlust des Realitätsbezugs, Halluzinationen und Wahnvorstellungen.

Schlafentzug als Modellsystem für psychische Erkrankungen

Für ihre Ergebnisse sehen die Wissenschaftler ein wichtiges Anwendungspotenzial zur Erforschung von Medikamenten, die gegen Schizophrenie wirken. Schlafentzug sei ein besseres Modellsystem als die bislang in entsprechenden Experimenten eingesetzten Wirkstoffe. Gefährlich sei er zunächst nicht: Die Symptome verschwänden nach ausgiebigem Erholungsschlaf. Dennoch bestehe Forschungsbedarf hinsichtlich der Menschen, die regelmäßig nachts arbeiten müssten.

Literatur
Petrovsky, N., Ettinger, U., Hill, A., Frenzel, L., Meyhöfer, I., Wagner, M. et al. (2014). Sleep deprivation disrupts prepulse inhibition and induces psychosis-like symptoms in healthy humans. The Journal of Neuroscience, 34 (27), 9134-9140.


7. August 2014
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto © Annika Strupkus


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