Sehen, was wir fürchten

Arachnophobiker nehmen Spinnen anders wahr als Personen ohne entsprechende Angststörung. Zu diesem Schluss kamen Psychologen der Universität Mannheim.

Aus den unzähligen Sinnesreizen, die in jeder Sekunde unseres Lebens auf uns einströmen, filtert unser Gehirn sehr effizient vor allem jene heraus, die für uns besonders wichtig sind: Nur diese nehmen wir letzten Endes bewusst wahr. Eine besondere Rolle spielen dabei evolutionsbedingt Reize, die Gefahr signalisieren. Dieser Mechanismus, der uns hilft, in Gefahrensituationen schnell zu reagieren, ist bei Menschen, die unter einer Phobie leiden, besonders stark ausgeprägt: Sie reagieren heftiger auf phobierelevante Reize – wie beispielsweise Blut, große Hunde oder Schlangen – als Menschen ohne diese Ängste. Wissenschaftler des Otto-Selz-Instituts für angewandte Psychologie der Universität Mannheim untersuchten nun die Wahrnehmungsprozesse von Menschen mit einer Arachnophobie – einer übermäßigen Angst vor Spinnen.
Im Rahmen ihrer Studie testeten die Psychologen 21 Menschen mit Spinnenphobie sowie 20 Kontrollpersonen ohne diese Angststörung mit der Methode der sogenannten binokularen Rivalität. Bei dieser werden über ein Stereoskop zwei unterschiedliche Bilder auf das linke und das rechte Auge projiziert. Es ist für das menschliche Gehirn nicht möglich, dauerhaft zwei verschiedene Bilder wahrzunehmen: Daher dominiert grundsätzlich eines der beiden, während die Wahrnehmung des anderen zeitweise unterdrückt wird. Dies geschieht, ohne dass wir darauf bewusst Einfluss nehmen können. Für ihr Experiment paarten die Mannheimer Wissenschaftler jeweils das Foto einer Spinne oder einer Blume mit dem neutralen Bild einer geometrischen Form.
Es zeigte sich, dass die Personen mit Arachnophobie das Bild der Spinne im Durchschnitt dominanter wahrnahmen als die gesunden Probanden: In der Hälfte aller Durchgänge sahen die Phobiker zuerst das Spinnenbild – doppelt so häufig wie die Kontrollpersonen. Zudem sahen sie es insgesamt um die Hälfte länger. Diese Unterschiede in der Wahrnehmung zeigten sich bei der Paarung der neutralen Form mit einem Blumenbild nicht.
Erstmalig konnte somit belegt werden, dass Angstpatienten phobierelevante Merkmale der Welt anders wahrnehmen. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass der beobachtete Effekt auch dafür verantwortlich sei, dass Personen mit Spinnenphobie die Tiere als subjektiv größer, beeindruckender und bedrohlicher beschreiben.
Als Ursache für den Wahrnehmungsvorteil vermuten die Forscher die größere emotionale Bedeutung der Spinnenfotos für die phobischen Patienten. Eben diese mit den phobierelevanten Reizen verbundenen Emotionen seien somit aller Wahrscheinlichkeit nach an der Steuerung der visuellen Verarbeitung im menschlichen Gehirn beteiligt.
Die Wissenschaftler hoffen, mit ihren Ergebnis zum Verständnis phobischer Störungen beitragen zu können: Offensichtlich sei es keine Übertreibung der Patienten, wenn sie davon berichteten, wie bedrohlich sie die gefürchteten Reize wahrnähmen.

Literatur
Gerdes, A. B. M. & Alpers, G. W. (in press). You see what you fear: Spiders gain preferential access to conscious perception in spider-phobic patients. Journal of Experimental Psychopathology.

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto © Aleksey Gnilenkov / flickr.com unter CC BY 2.0



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