Selbstwahrnehmung unter der Lupe

Am 6. Mai ist Anti-Diät-Tag. Ein Grund mehr, einen Blick auf unsere Selbstwahrnehmung zu werfen – wie es auch Forscher des Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik taten.

Wir sehen uns fast jeden Tag im Spiegel – und erschrecken dennoch manchmal, wenn wir Fotos von uns selbst sehen. Dann empfinden wir unseren Körper als zu dünn, zu dick oder nicht vorteilhaft getroffen. Viele Forschungsreihen deuten darauf hin, dass auch gesunde Menschen sich nicht so wahrnehmen, wie sie wirklich sind. Doch unter welchen Bedingungen erscheint uns unser Körper fremd? Und wann akzeptieren wir ihn so, wie er ist? Diesen Fragen gingen Wissenschaftler des Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik nach.

Lebensgroße 3D-Avatare

Sie entwickelten 3D-Körpermodelle von Frauen zwischen 20 und 40 Jahren, um deren Wahrnehmung ihres eigenen Körpers zu untersuchen. Ein neuer Ansatz, denn bisher war in vergleichbaren Studien nur mit Zerrbildern von Fotografien oder zeichentrickähnlichen Abbildungen des Körpers gearbeitet worden, die jedoch keine wirklich realistische Einschätzung zulassen. Zur Erstellung der Avatare wurde zunächst der Körper der Teilnehmerinnen gescannt – und dann zum Teil leicht verändert: Die Avatare hatten im Versuch entweder dieselben Körperproportionen wie die Probandinnen oder aber Durchschnittsmaße.

Tendenz zum schlankeren Avatar

Es zeigte sich, dass die Teilnehmerinnen ihr Körpergewicht weitestgehend richtig einschätzen konnten. Auffällig war allerdings, dass die Frauen bereitwillig einen schlankeren Körper als ihren eigenen akzeptierten, nicht jedoch einen dickeren. Wurde die Farbe der Avatare geändert und ein Schachbrettmuster auf den Körper gelegt, tendierten die Teilnehmerinnen generell zu den schlankeren Versionen.

Die Forscher hoffen, mit ihrer Methode Menschen mit Körperwahrnehmungs- und Körperbildstörungen – zum Beispiel Patienten mit Essstörungen – helfen zu können. Mit ihren Ergebnissen belegen sie aber zudem erneut, dass auch gesunde Frauen sich selbst lieber etwas schlanker sehen wollen als sie sind.

Ziele des Anti-Diät-Tags

Der Anti-Diät-Tag wurde von der britischen Autorin Mary Evans Young ins Leben gerufen, die selbst unter einer Essstörung litt. Ziele des Aktionstages sind unter anderem die Würdigung der Vielfalt von natürlichen Größen- und Gewichtsunterschieden und das kritische Hinterfragen von Schönheitsidealen.

Zudem richtet sich der Tag auch gegen die Diskriminierung von Übergewichtigen und Fettsüchtigen. Zu recht, denn wie erst kürzlich eine Studie der Universität Leipzig zeigte, sind eine negative Meinung und ablehnende Haltung gegenüber Menschen mit Adipositas in Deutschland weit verbreitet. Besonders übergewichtige Frauen leiden demnach unter der Stigmatisierung und Diskriminierung.

Literatur

Piryankova, I.V., Stefanucci, J.K., Romero, J., De la Rosa, S., Black, M.J. & Mohler, B.J. (2014). Can I recognize my body's weight? The influence of shape and texture on the perception of self. ACM Transactions on Applied Perception, 11 (3:13), 1-18.

Piryankova, I.V., Wong, H.Y., Linkenauger, S.A., Stinson, C., Longo, M.R., Bülthoff, H.H. et al. (2014). Owning an overweight or underweight body: Distinguishing the physical, experienced and virtual body. PLoS ONE, 9 (8), 1-13.

Sikorski, C., Spahlholz, J., Hartlev, M. & Riedel-Heller, S.G. (2016). Weight-based discrimination: An ubiquitary phenomenon? [Abstract]. International Journal of Obesity, 40 (2), 333–337.

6. Mai 2016
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Symbolfoto: © RainerSturm – pixelio.de


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