Smartphones als Teil des Ichs?

Psychologen aus Münster, Leiden (Niederlande) und Regensburg wiesen erstmals nach, dass die „Gummihand-Illusion“ auch durch das eigene Smartphone erzeugt werden kann.

Es klingt wie eine Episode aus einem Science-Fiction-Film: Eine Hand aus Gummi fühlt sich an, als gehöre sie zum eigenen Körper. Dieser sogenannte „Gummihand-Effekt“ ist jedoch eine in der Psychologie bekannte Illusion, die sich mit einem geschickten Versuchsaufbau erzeugen lässt. Psychologen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster untersuchten nun zusammen mit Kollegen der Universitäten Leiden (Niederlande) und Regensburg, wie flexibel das Gehirn in dieser Hinsicht ist und ob auch andere Gegenstände – die nicht menschlichen Gliedmaßen ähneln – als dem Körper zugehörig empfunden werden können.

Die klassische „Gummihand-Illusion“

Für ihren Versuch adaptierten die Forscher den klassischen Aufbau der „Gummihand-Illusion“: Eine Testperson legt ihre linke Hand auf einen Tisch hinter eine Abschirmung, so dass sie sie selbst nicht sehen kann. Neben die verborgene Hand platziert der Versuchsleiter gut sichtbar eine Gummihand. Für einige Minuten werden beide – die nicht sichtbare eigene und die künstliche Hand – synchron oder asynchron (als Kontrollbedingung) mit einem Pinsel gestreichelt. Dass die Versuchsperson die Berührung fühlt und zeitgleich sieht, wie die Gummihand gestreichelt wird, erzeugt das Gefühl, diese gehöre zum eigenen Körper – beide Informationen verschmelzen zu einer Wahrnehmung.

Alltägliche technische Geräte als Versuchsgegenstände

In ihrem Versuch nutzten die Wissenschaftler nun neben einer Gummihand auch andere Objekte: das Smartphone der Versuchsperson, eine Computermaus oder einen Smartphone-förmigen Holzklotz. Der zugrundeliegende Gedanke: Der tägliche intensive Umgang mit modernen technischen Geräten könnte langfristig zu einer Form der Eingliederung solcher Geräte in das eigene Körperschema führen.
Um die Empfindungen der Testpersonen zu messen, setzten die Forscher einen Fragebogen ein. Außerdem erfassten sie einen weiteren zentralen Aspekt der „Gummihand-Illusion“: das Gefühl, die nicht sichtbare eigene Hand verschiebe sich räumlich in Richtung der künstlichen Hand („propriozeptiver Drift“).

Durch das Smartphone erzeugte Illusion

Im Versuch ließ sich der „Gummihand-Effekt“ bei allen untersuchten Gegenständen nachweisen: Bei synchroner Stimulation empfanden die Probanden alle Objekte stärker als dem eigenen Körper zugehörig als in der Kontrollbedingung. Die scheinbare räumliche Verschiebung der eigenen nicht sichtbaren Hand hin zum sichtbaren Objekt trat jedoch nur bei der Gummihand auf – und beim Smartphone. Nur dieser Gegenstand erzeugte also eine ähnlich vollständige Illusion wie die künstliche Hand.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass neben der Ähnlichkeit zum Körperteil auch das Maß der Vertrautheit mit dem Objekt eine Rolle spielen dürfte: Kaum ein Gegenstand wird heute so oft angesehen, befühlt und bedient wie das eigene Smartphone. Wie weit die Flexibilität des körperlichen Ichs geht, soll in weiteren Studien überprüft werden.

Literatur

Liepelt, R., Dolk, T. & Hommel, B. (in press). Self-perception beyond the body: The role of past agency [Abstract]. Psychological Research.

25. Mai 2016
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Symbolfoto: © ponsulak – Fotolia.com


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