Soziale Interaktionen aktivieren das Belohnungssystem

Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich ergründeten in einer aktuellen neurowissenschaftlichen Studie, warum wir den Umgang mit anderen Menschen suchen.

Ob Einkaufsbummel, Tagesausflug oder Kinobesuch: Es ist schöner zu zweit als allein. Auch wenn wir nicht immer direkt davon profitieren, streben wir danach, uns mit anderen Menschen zu umgeben, mit ihnen Zeit zu verbringen und uns auszutauschen. Warum das so ist, wiesen Neurowissenschaftler des Forschungszentrums Jülich nun mit Hilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) nach.

Da während der Messungen mit einem MRT-Gerät nicht nur die Bewegungsfreiheit der Probanden stark eingeschränkt ist, sondern diese nicht einmal sprechen dürfen, mussten sich die Forscher zur Betrachtung sozialer Interaktionen ein neuartiges Verfahren ausdenken. Dieses vereint Elemente der virtuellen Realität mit interaktiven Techniken der Blickerfassung – das sogenannte „gaze-contingent eye-tracking“.

Kommunizieren mit Blicken

Die Versuchspersonen hatten die Aufgabe, nur durch Blickkontakt mit einem animierten Gesicht auf einem Monitor zu kommunizieren, das abhängig von der Augenbewegung der Probanden die Blickrichtung änderte. Nach mehreren Durchläufen sollten die Teilnehmer schließlich entscheiden, ob ihr virtuelles Gegenüber von einem Menschen oder einem Computer gesteuert wird. Tatsächlich kontrollierte immer der Computer das Geschehen; der zweite Versuchsteilnehmer, ein Schauspieler, war nur Statist.

Belohnungswirkung sozialer Interaktionen

Dennoch gab es Unterschiede in der Bewertung: Gingen Probanden von einem menschlichen Partner aus, so bewerteten sie die blickbasierte Interaktion nachträglich als angenehmer. Zudem zeigten die Aufnahmen des MRT-Geräts, dass der Umgang mit einem als menschlich eingestuften Partner ausreichte, um das Belohnungssystem zu aktivieren. Je kooperativer sich der virtuelle Charakter verhielt, desto stärker war diese Reaktion. Bei einem rein maschinell gesteuerten Gegenüber blieb die Belohnungswirkung hingegen aus.

Einsatz als Training bei Autismus

Obwohl es aus der Neuroökonomie und der Motivationspsychologie bereits Hinweise gab, dass das Belohnungssystem eine wichtige Rolle beim Erleben sozialer Interaktionen spielt, war ein Nachweis mangels geeigneter Testverfahren bisher nicht möglich gewesen. Von ihren Ergebnissen erhoffen sich die Forscher unter anderem auch ein besseres Verständnis der neuronalen Mechanismen, die für die Ausbildung von Autismus verantwortlich sind. In modifizierter Form hat der Ansatz bereits Anwendung in der Therapie gefunden: Das System hilft autistischen Jugendlichen dabei, die richtige Dauer für den Blickkontakt mit einem Gegenüber einzutrainieren.

Literatur
Pfeiffer, U. J., Schilbach, L., Timmermans, B., Kuzmanovic, B., Georgescu, A. L., Bente, G. et al. (2014). Why we interact: On the functional role of the striatum in the subjective experience of social interaction. Neuroimage, 101, 124-137.

 

28. August 2014
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto © Susanne Koch


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