Spirituell oder religiös?

Die meisten Menschen bezeichnen sich eher als spirituell denn religiös. Können sie sich mit Religion oder Religosität nicht mehr identifizieren?

Ein religionspsychologisches Forschungsprojekt der Universität Bielefeld will klären, was Menschen in Deutschland und den USA unter den Begriffen Spiritualität und Religiosität verstehen.
Ziel der Religionspsychologen ist es, neben der Bedeutung von „Spiritualität“ und „Religiosität“ auch zu elaborieren, wie diese Begriffe mit der Persönlichkeit und der Biographie einer Person zusammenhängen.
In einem ersten Teil der Untersuchung befragten die Wissenschaftler über den Zeitraum eines Jahres mit Hilfe einer Online-Erhebung insgesamt 1.886 Personen: 773 aus Deutschland und 1.113 aus den USA.
Sie kamen zu einem überraschenden Ergebnis: Etwa die Hälfte der Befragten bejahte den Satz: „Ich bin eher spirituell als religiös“. Dabei spielte es kaum eine Rolle, ob die Teilnehmer einer Kirche oder Religionsgemeinschaft angehörten oder nicht. Auch viele, die sich selbst ausdrücklich als Atheisten, Nontheisten oder Agnostiker verstanden - im Übrigen eine erstaunliche Minderheit - bezeichneten sich als spirituell.
„Spiritualität“ erscheint den Psychologen zufolge somit als ein Konzept, mit dem sich viele Menschen besser identifizieren können als mit „Religion“ oder „Religiosität“. Einen Grund dafür sehen die Bielefelder Wissenschaftler in der Mehrdeutigkeit des Begriffs: Manche Menschen nutzen ihn, um sich von organisierter Religion abzugrenzen und darauf hinzuweisen, dass sie nicht institutionell gebunden sind, teils auch den Glauben an Gott ablehnen, aber dennoch wissen, was ihnen heilig ist. Für andere ist der Begriff „Spiritualität“ durchaus mit ihrer Konfessionszugehörigkeit und ihrem Glauben an Gott verbunden. Auch Angehörige von Kirchen und Religionsgemeinschaften sehen sich selbst zum Teil eher spirituell als religiös.
Im weiteren Verlauf des Projekts planen die Forscher biographische Einzelinterviews, um den Zusammenhang von erlebter Spiritualität und Biografie zu beleuchten.

Das interkulturelle Projekt „Spiritualität in Deutschland und den USA“ wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und findet in Zusammenarbeit mit der University of Tennessee at Chattanooga (USA) statt.

 

Literatur
Streib, H. (2008). More spiritual than religious: Changes in the religious field require new approaches. In H. Streib, A. Dinter & K. Söderblom (eds.), Lived religion – conceptual, empirical and practical-theological approaches. Essays in honor of Hans-Günter Heimbrock. Leiden: Brill.

Streib, H. & Hood, R. W. (2011). Spirituality as privatized experience-oriented religion: Empirical and conceptual perspectives”. Implicit Religion, 14 (4), 433-453.

 

Quelle: Universität Bielefeld