Stigmatisierung psychisch Kranker hält an

Die Einstellung gegenüber Menschen mit psychischen Störungen hat sich in den vergangenen 20 Jahren nicht verbessert. Zu diesem Schluss kamen Forscher auf dem internationalen Kongress für psychiatrische Epidemiologie in Leipzig.

Hätten wir Bedenken, einen Menschen mit Depressionen für einen Job zu empfehlen? Wie würden wir auf einen Nachbarn reagieren, der unter Schizophrenie leidet? Was ist unser Bild von alkoholabhängigen Menschen? Dies sind Fragen, die sich auch Betroffene selbst stellen. Die Angst vor Ablehnung, davor, als verrückt oder gar gefährlich abgestempelt und sozial ausgegrenzt zu werden, kann psychisch kranke Menschen erheblich belasten und dazu führen, dass sie nicht rechtzeitig Hilfe suchen. Leider ist diese Angst nach wie vor nicht unberechtigt. Auf dem internationalen Kongress für psychiatrische Epidemiologie in Leipzig präsentierten Forscher ernüchternde Zahlen zur öffentlichen Wahrnehmung psychisch kranker Menschen.
Im Rahmen ihrer längsschnittlich angelegten Studie hatten die Wissenschaftler zweimal (in den Jahren 1990 und 2011) je 3.000 Teilnehmern aus Deutschland kurze Fallbeschreibungen vorgelegt, die den typischen Symptomen von Schizophrenie, Depression oder Alkoholabhängigkeit entsprachen. Anschließend wurden die Probanden nach den von ihnen vermuteten möglichen Ursachen, einer Empfehlung hinsichtlich Hilfe und Behandlung sowie nach der persönlichen Einstellung gegenüber der beschriebenen Person gefragt.
Es zeigte sich, dass die Stigmatisierung psychisch Kranker zwischen 1990 und 2011 - trotz vieler neuer Forschungserkenntnisse im Bereich psychischer Störungen, der Fortschritte in der Versorgung und der allgemein höheren Akzeptanz für psychotherapeutische und psychiatrische Behandlungen - nicht wie erhofft zurückgegangen ist. Während sich bei der Einstellung zu Menschen mit Depressionen und Alkoholismus keine klare Veränderung feststellen ließ, reagierten die Teilnehmer im Jahr 2011 sogar mit deutlich mehr Angst und sozialer Distanzierung auf Schizophrenie. Etwa 30 Prozent der Befragten lehnten es ab, einen Menschen mit dieser Krankheit als Nachbarn oder Arbeitskollegen zu haben – zehn Prozent mehr als bei der ersten Erhebung.
Die Ergebnisse der Untersuchung weisen auch auf mögliche Ursachen für diese Entwicklung hin: So waren die Befragten 2011 häufiger als 1990 der Meinung, dass Schizophrenie auf eine Erkrankung des Gehirns zurückgeführt werden könne. Äußere Faktoren, wie etwa belastende Erlebnisse in der Kindheit oder akuter Stress, wurden deutlich weniger in Betracht gezogen. Weitere Analysen bestätigten, dass die Annahme von biologischen Ursachen bei Schizophrenie und Depression mit geringerer sozialer Akzeptanz für die Betroffenen verbunden war.
Diese Erkenntnis war für die Wissenschaftler überraschend, da man sich bisher gerade von der betont biologisch-medizinischen Darstellung psychischer Krankheiten einen Rückgang des Stigmas versprochen hatte. Tatsächlich scheinen biologische Krankheitsvorstellungen in der Allgemeinbevölkerung aber eher das Gefühl des „Andersseins“ der Betroffenen zu verstärken. Mit stigmatisierenden Einstellungen ging auch die Auffassung einher, dass es eine klare Grenze zwischen psychisch gesund und krank gebe. Tatsächlich sind die Grenzen jedoch fließend, es handelt sich eher um ein Kontinuum.
Künftige Informations- und Aufklärungsprogramme sollten nach Ansicht der Forscher neben diesem Umstand unter anderem auch die multikausale Natur psychischer Erkrankungen stärker betonen.

Literatur

Angermeyer, M. C., Matschinger, H. & Schomerus, G. (in press). Attitudes towards psychiatric treatment and people with mental illness: Changes over two decades. British Journal of Psychiatry.

Angermeyer, M. C., Holzinger, A., Carta, M. G. & Schomerus, G. (2011). Biogenetic explanations and public acceptance of mental illness: Systematic review of population studies. The British Journal of Psychiatry, 199, 367-372.

Angermeyer, M. C. & Matschinger (2005). Causal beliefs and attitudes to people with schizophrenia. Trend analysis based on data from two population surveys in Germany. The British Journal of Psychiatry, 186, 331-334.


Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto © Luigi Morante / flickr.com unter CC BY 2.0

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