Strategischer Großmut

Kleine Kinder sind anderen gegenüber besonders dann großzügig, wenn ihre Taten beobachtet werden. Zu dieser Erkenntnis kam ein Team von Psychologen der Yale University (USA).

Uneigennütziges, prosoziales Handeln ist ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Verhaltensrepertoires. Und schon sehr früh zeigen Kinder und sogar Babys eine Bereitwilligkeit, anderen – auch auf eigene Kosten – abzugeben. Bei Erwachsenen kann man jedoch häufig beobachten, dass prosoziale Handlungen bewusst oder unbewusst auch als Strategie zur Erhöhung des sozialen Ansehens fungieren: So verhalten sie sich großzügiger, wenn ihr Verhalten von anderen beobachtet wird – und ganz besonders dann, wenn der Umfang der Selbstlosigkeit öffentlich bekannt gemacht wird. Psychologen der Yale University (USA) gingen in einer aktuellen Untersuchung nun der Frage nach, ob vergleichbare Strategien der Selbstpräsentation auch schon bei Kindern zu beobachten sind.
Zu diesem Zweck wurden insgesamt 64 fünfjährige Kinder in 32 Paare aufgeteilt: Ein Kind war dabei den gesamten Versuch über in einer aktiven Rolle, das andere war passiver Rezipient. Die Kinder in der aktiven Rolle sollten nun entscheiden, ob sie ihrem Partner nur einen oder gleich vier Aufkleber zukommen lassen wollten – ohne dass es sie selbst etwas gekostet hätte. Dabei unterschieden die Forscher zwei Bedingungen: Ein Teil der Rezipienten konnte immer sehen, wie sich ihr Partner entschied, die anderen sahen nicht, welche Optionen er hatte.
Während des gesamten Versuchs durften die Kinder nicht miteinander reden. Allerdings kannten sie einander bereits aus der Vorschule.
Es zeigte sich, dass die Kinder in der aktiven Rolle sich nur dann großzügig ihrem Partner gegenüber verhielten, wenn dieser die Optionen kannte. In den Fällen hingegen, in denen der Rezipient nicht wusste, wie viele Sticker möglich gewesen wären, verhielten sich die Kinder auffällig wenig gebefreudig – obwohl die Gabe nicht auf ihre eigenen Kosten gegangen wäre.
Die Forscher schließen aus diesen Ergebnissen, dass bereits Kinder im Alter von fünf Jahren eine Art strategischen prosozialen Verhaltens zeigen – und sich je nachdem, was andere über ihr Handeln wissen, mehr oder weniger großzügig zeigen.

Literatur
Leimgruber, K. L., Shaw, A., Santos, L. R. & Olson, K. R. (2012). Young children are more generous when others are aware of their actions. PLoS ONE, 7 (10), e48292.

Quelle: PLoS ONE

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