Stress lässt Kleinkinder in Gewohnheiten verfallen

Ebenso wie Erwachsene testen gestresste Kinder kaum alternative Verhaltensweisen. Zu diesem Schluss kamen Forscher der Ruhr-Universität Bochum in einer aktuellen Studie.

Unter Stress neigen Menschen dazu, sich weniger flexibel zu verhalten: Sie verfallen in Gewohnheiten, probieren weniger Neues aus und haben Probleme damit, sich auf neue Situationen einzustellen. Dieser Zusammenhang ist für Erwachsene inzwischen gut belegt. Doch gilt dies auch für Kinder? Um dieser Frage nachzugehen, passte ein Team von Wissenschaftlern der Ruhr-Universität Bochum in Zusammenarbeit mit Kollegen der Technischen Universität Dortmund ein Versuchsdesign aus Erwachsenenstudien so an, dass es bei Kleinkindern eingesetzt werden konnte.

Stressige Alltagssituationen

Im Labor absolvierten 26 Kleinkinder im Alter von 15 Monaten eine Lernaufgabe. Zuvor erfuhr die Hälfte von ihnen eine stressige Situation, wie sie auch im Alltag vorkommen kann: Eine unbekannte Person setzte sich neben das Kind, ein Tanzroboter spielte laute Musik und bewegte sich, die Eltern verließen für maximal vier Minuten den Raum. Die Kinder der Kontrollgruppe spielten in der gleichen Zeit mit ihren Eltern.

Anschließend bekamen die Kinder eine Box mit zwei Lampen präsentiert, von denen eine bei Druck rot leuchtete, die andere blau. Die kleinen Probanden durften eine der Lampen so häufig drücken, wie sie wollten, während der Zugang zu der anderen gesperrt war. Beim folgenden Test hatten die Kinder nun die Wahl, sich mit beiden Lampen zu beschäftigen. Allerdings leuchtete nun keine davon mehr auf.

Kaum alternative Verhaltensweisen getestet

Obwohl sie nicht mehr funktionierte, drückten die Kinder der „Stressgruppe“ dennoch immer weiter auf die Lampe, an die sie sich zuvor gewöhnt hatten. Die Kinder der Kontrollgruppe hingegen zeigten ein flexibleres Verhalten und probierten signifikant häufiger auch die andere Lampe aus. Zudem zeigte sich ein klarer Anstieg des Stresshormons Cortisol bei den Kindern, die zuvor eine ungewohnte Alltagssituation erlebt hatten.

Negativ für den Wissenserwerb

Die Forscher wollen den gefundenen Effekt in weiteren Studien genauer untersuchen. Sie gehen davon aus, dass es sich negativ auf den Wissenserwerb auswirken könnte, wenn Kleinkinder wiederholt Stress ausgesetzt sind und deshalb keine alternativen Verhaltensweisen ausprobieren.

Literatur

Seehagen, S., Schneider, S., Rudolph, J., Ernst, S. & Zmyj, N. (in press). Stress impairs cognitive flexibility in infants [Abstract]. PNAS.

8. Oktober 2015
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto: © Annika Strupkus


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