Testosteron macht ehrlicher

Wissenschaftler der Universität Bonn wiesen zusammen mit Kollegen der Universität Maastricht nach: Testosteron kann soziales Verhalten fördern.

Hohe Konzentrationen des Sexualhormons Testosteron werden verhaltensbiologisch meist mit Aggressionen, Kampfverhalten und Imponiergehabe in Verbindung gebracht. Dass dies bei Menschen nicht immer der Fall sein muss, zeigten nun Forscher der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn in Zusammenarbeit mit der Universität Maastricht. Neuere wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse hatten bereits nahegelegt, dass das Geschlechtshormon Testosteron das Sozialverhalten fördern kann. Jedoch ließen viele Studien, in denen Verhalten und Hormonspiegel in Zusammenhang gebracht wurden, keine Rückschlüsse auf Ursache und Wirkung zu. Mit einem neuartigen experimentellen Ansatz schufen die Bonner Wissenschaftler nun Abhilfe.
Insgesamt 91 gesunde Männer nahmen am Verhaltensexperiment der Forscher teil. 46 von ihnen wurden am Vortag des Versuchs mit Testosteron behandelt, das in Form eines Gels auf die Haut aufgetragen wurde. Die anderen 45 Testpersonen erhielten eine Behandlung mit einem Placebo-Gel. Um mögliche Einflüsse auf das Verhalten auszuschließen, wussten weder die Probanden noch die durchführenden Wissenschaftler, wer mit Testosteron behandelt worden war und wer nicht.
Im eigentlichen Verhaltensexperiment spielten die Versuchspersonen dann in separaten Kabinen ein einfaches Würfelspiel: Je höher die gewürfelte Augenzahl, desto höher auch der Geldbetrag, den es am Ende als Belohnung gab. Dabei war der Versuch so konzipiert, dass die Probanden ohne Probleme lügen konnten: Niemand konnte in die abgeschirmten Kabinen einsehen und kontrollieren, ob die Versuchspersonen ihre tatsächlich gewürfelte Zahl in den Computer eingaben oder eine höhere – um mehr Geld zu erhalten.
Allerdings konnten die Wissenschaftler im Nachhinein feststellen, ob die verschiedenen Versuchspersonengruppen geschummelt hatten oder nicht. Denn statistisch ist die Eintrittswahrscheinlichkeit aller Würfelzahlen gleich hoch. Ausreißer nach oben waren somit ein klares Indiz, dass Probanden gelogen hatten.
Es zeigte sich, dass die Probanden, die am Vortag mit Testosteron behandelt worden waren, in der Spielsituation deutlich seltener logen als die Personen die nur ein Placebo erhalten hatten.
Dieses Ergebnis widerspricht klar der Annahme, dass Testosteron zu antisozialem Verhalten führe. Die Forscher nehmen an, dass das Hormon eher den Stolz steigere und das Bedürfnis, ein positives Selbstbild zu entwickeln und zu erhalten. Vor diesem Hintergrund reiche der Anreiz von ein paar Euro wahrscheinlich nicht aus, um das Selbstwertgefühl aufs Spiel zu setzen.

Literatur
Wibral, M., Dohmen, T., Klingmüller, D., Weber, B. & Falk, A. (2012). Testosterone administration reduces lying in men. PLoS ONE, 7 (10): e46774.

 

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft