Testosteron macht sensibler für Bedrohungen

Eine aktuelle Studie kanadischer und US-amerikanischer Psychologen beleuchtet die neuronale und hormonelle Grundlage männlicher Aggressionen.

Testosteron ist ein Sexualhormon, das zwar bei beiden Geschlechtern vorkommt, jedoch in unterschiedlich großer Menge – und mit entsprechend unterschiedlicher Wirkung. Aus früherer Forschung ist bekannt, dass Testosteron insbesondere bei Männern zu aggressivem Verhalten beiträgt. Über welche neuronalen Vorgänge sich diese Wirkung entfaltet, war jedoch bislang unklar. Diese Lücke schließt nun eine Studie, die Psychologen der Nipissing University in Ontario (Kanada) zusammen mit US-amerikanischen Kollegen durchführten.

In ihrer Untersuchung konzentrierten sich die Forscher auf jene Gehirnstrukturen, die im Zusammenhang mit der Verarbeitung von Bedrohungen sowie mit aggressivem Verhalten stehen: die Amygdala, den Hypothalamus und das periaquäduktale Grau.

Hirnaktivität nach Veränderung des Hormonspiegels


Insgesamt 16 gesunde junge Männer im Alter von 18 bis 44 Jahren wurden ins Labor geladen und erhielten zunächst ein Medikament, das die Wirkung des körpereigenen Testosterons unterdrückte. Ziel war es, einen möglichst einheitlichen Hormonspiegel bei allen Teilnehmern zu erreichen. Diese erhielten dann entweder eine Dosis Testosteron, die den Hormonspiegel wieder normalisierte, oder einen Placebo. Anschließend betrachteten alle Probanden Fotos von emotionalen Gesichtsausdrücken. Dabei wurde mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie ihre Gehirnaktivität erfasst.

Mehr Testosteron – stärkere Reaktion auf Bedrohung


Es zeigte sich, dass Bilder von ärgerlicher oder wütender Mimik die Aktivität in der Amygdala, dem Hypothalamus und auch im periaquäduktalen Grau erhöhten – allerdings nur bei den Probanden, die zuvor eine Dosis Testosteron erhalten hatten. Bei den Teilnehmern aus der Placebo-Gruppe trat dieser Effekt nicht auf. Somit wiesen die Forscher erstmals nach, dass bereits ein höheres Testosteron-Level, das sich immer noch im Rahmen normaler physiologischer Schwankungen bewegt, einen klaren Einfluss auf die neuronale Reaktion auf Bedrohung hat.

Die Wissenschaftler hoffen, damit zum allgemeinen Verständnis der Zusammenhänge zwischen Hormonspiegel, neuronaler Aktivität und aggressivem oder auch ängstlichem Verhalten beitragen zu können. Besonders mit Blick auf Testosteron-Gaben zur Steigerung der Potenz bei älteren Männern und ähnliche medizinisch mehr oder weniger notwendige Eingriffe in den Hormonhaushalt, seien weitere Forschungen zur Wirkung auf das Gehirn notwendig.

Literatur
Goetz, S. M. M., Tang, L., Thomason, M. E., Diamond, M. P., Hariri, A. R. & Carré, J. M. (2014). Testosterone rapidly increases neural reactivity to threat in healthy men: A novel two-step pharmacological challenge paradigm. Biological Psychiatry, 76 (4), 324-331.


30. September 2014
Quelle: 3BL Media
Foto: Ina Jungbluth


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