Überraschung in der Depressionsbehandlung

Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg identifizierten eine bisher unbeachtete Wirkung gängiger Antidepressiva als eigentlichen Haupteffekt.

Bis zu zehn Prozent der Bevölkerung leiden einmal oder häufiger im Leben an einer Depression. Es gilt heute als wissenschaftlich gesichert, dass alle bekannten Formen dieser Erkrankung mit einer Veränderung des Neurotransmitterhaushalts im Gehirn einhergehen: Das serotonale oder das noradrenale System ist gestört, die Signalübertragung dadurch beeinträchtigt. Daher wurde die stimmungsaufhellende Wirkung der gängigen Antidepressiva stets einer Blockade des Wiederaufnahme-Vorgangs der Transmitter zugeschrieben, die die Konzentration der Botenstoffe im Gehirn erhöht. Allerdings ist deren Wirkungsweise bislang nur unzureichend bekannt. Zudem mehren sich die Indizien dafür, dass bei depressiven Patienten außerdem die neuronale Plastizität – also die Neubildung von Neuronen im Gehirn – vermindert ist. Ein Team von Forschern der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat nun in Zusammenarbeit mit Kollegen anderer Universitäten einen neuen zellbiologischen Mechanismus entschlüsselt, der diese Auffassung stützt. Zudem werfen die Ergebnisse ein völlig neues Licht auf die Wirkung von Antidepressiva.
Die Forscher gingen in ihrer Studie von der Beobachtung aus, dass bei depressiven Patienten die Aktivität der sauren Sphingomyelinase (ASM) erhöht ist. ASM ist ein Enzym, das zur Bildung sogenannter Ceramide, aus dem Lipid Sphingomyelin führt. Ceramide wiederum stehen in enger Verbindung mit der Neubildung von Neuronen im Gehirn: Je höher der Ceramid-Spiegel, desto stärker ist diese beeinträchtigt. Sind Depressionen also auf mangelnde Zellneubildung zurückzuführen, sollten eine erhöhte Aktivität der ASM und die daraus resultierende zelluläre Anreicherung von Ceramiden bei der Entstehung der Krankheit eine entscheidende Rolle spielen. Dementsprechend veränderten die Forscher für ihren Versuch Mäuse genetisch so, dass in deren Gehirn ein erhöhter Ceramid-Spiegel entstand.
Es zeigte sich, dass zu viel Ceramid bei Mäusen tatsächlich zu depressionsähnlichem Verhalten führte. Zugleich konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass viele der marktüblichen Antidepressiva zu einer Hemmung der sauren Sphingomyelinase und damit zu einer Reduktion des Ceramid-Spiegels im Gehirn der Mäuse führten.
Dies lässt den Schluss zu, dass Substanzen, die die Aktivität der ASM hemmen und die Ceramid-Konzentration im Gehirn verringern, antidepressiv wirken. Somit könnte eine „Nebenwirkung“ marktüblicher Antidepressiva, die nicht im direkten Zusammenhang mit der pharmakologischen Regulation von Neurotransmittern steht und daher bisher wenig beachtet wurde, möglicherweise die eigentliche antidepressive Wirkung dieser Substanzen vermitteln.
Diese Erkenntnis könnte auch eines der großen Rätsel erklären, die gängige Antidepressiva den Forschern aufgaben: die Latenzzeit. Oft verstreichen mehrere Wochen, bis die stimmungsaufhellende Wirkung der Medikamente eintritt – obwohl die Wiederaufnahmeblockade im Gehirn sofort erfolgt. Die Erhöhung der zellulären Vitalität im Gehirn durch ASM-Hemmung hingegen ist ein Prozess, der durchaus Wochen in Anspruch nehmen kann.
Die Wissenschaftler erhoffen sich von ihren Erkenntnissen die gezielte Entwicklung von effektiveren, spezifischeren und schneller wirkenden Therapien der Depression bei gleichzeitiger Reduktion der Nebenwirkungen.

Literatur
Gulbins, E., Palmada, M., Reichel, M., Lüth, A., Böhmer, C., Amato, D. et al. (in press). Acid sphingomyelinase–ceramide system mediates effects of antidepressant drugs. Nature Medicine.

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto © e-Magine Art / flickr.com unter CC BY 2.0

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