Umweltpsychologie macht Klimaschutz-Verhalten berechenbarer

Kasseler Forscher durchleuchten mit virtuellen Agenten das Verbraucherverhalten, um besser abschätzen zu können, wie schnell sich technische Neuerungen für den Umweltschutz auf dem Markt durchsetzen werden und mit welchen Instrumenten die Politik diesen Prozess beschleunigen kann. Über den Erfolg im Kampf gegen den Klimawandel entscheiden nicht nur der Erfindergeist von Wissenschaftlern und der Mut von Politikern, rasch gegenzusteuern. Letztlich bestimmen die Verbraucher mit ihrem Kaufverhalten, ob technische Neuerungen tatsächlich etwas für den Klimaschutz bringen: Denn erst wenn vorhandene, Ressourcen sparende Technik auch massenhaft eingesetzt wird, ist eine spürbare Entlastung der Umwelt die Folge. 

Die Forscher vom Kasseler Center for Environmental Systems Research (CESR) haben für ihre Simulationsprogramme, die bis ins Jahr 2060 schauen, fünf Verbrauchertypen gebildet, aus denen 45.000 so genannte Agenten die Konsumenten in einem Testgebiet repräsentieren. Mit diesen Agenten haben die Wissenschaftler durchgespielt, wie schnell sich etwa Wasser sparende Duschköpfe und Toilettenspülungen sowie Regenwassernutzungsanlagen auf dem Markt durchsetzen können. Das Simulationsprogramm habe dabei geholfen, Maßnahmen zu definieren, mit denen die Markteinführung beschleunigt werden könne. Während es bei den Duschköpfen und der Spülung ausreiche, gezielte Informationskampagnen zu starten, könne man die – sehr teuren – Regenwasseranlagen nur mit staatlichen Zuschüssen voranbringen. Die Programme ermöglichen es auch, die Folgen von denkbaren politischen Maßnahmen, wie z.B. Subventionen, zu berechnen.
 Auf diese Weise können sozialwissenschaftliche Szenarien unter den Bedingungen des globalen Klimawandels erstellt werden, um Konfliktpotenziale und Akzeptanzrisiken abzuschätzen.
 Voraussagen darüber, ob und wie schnell technische Neuerungen vom Konsumenten angenommen werden, sind schwierig, weil es „den“ Verbraucher nicht gibt und regionale Unterschiede sowie gesellschaftliche Milieus eine große Rolle spielen. „Da gibt es den experimentierfreudigen Vorreiter und Umweltbewussten, der jede technische Neuerung sofort ausprobiert. Andere Verbraucher schauen nur auf ihren Geldbeutel oder schrecken als Traditionalisten vor Veränderungen in ihrem Alltag generell zurück“, so Professor Ernst. Generell könne man sagen, dass die Milieus in den Städten schneller als auf dem Land auf technische Neuerungen reagieren, sagt die Psychologin Silke Kuhn. „Die Städter haben mehr Vorbilder“, ergänzt sie.
 Diese Kasseler Forschungsarbeit zum Verbraucherverhalten ist eines von fünf Projekten des seit dem Jahr 2000 laufenden zehnjährigen Forschungsprogramms GLOWA, „Globaler Wandel des Wasserkreislaufs“. Ziel ist es, Werkzeuge zu entwickeln, die helfen, mit dieser kostbaren Ressource im Zeichen der Klimaveränderung schonender umzugehen.
 Die Bedeutung des in Kassel entwickelten Simulationsprogramms gehe über die Anwendung für Vorhersagen zur Wassernutzung weit hinaus und sei vielfältig einsetzbar, betont Professor Ernst. Beispielsweise leiste das Modell auch im Rahmen des nordhessischen Klimaprojekts „KLIMZUG“ nützliche Dienste. Es liefere dort etwa Szenarien über die Nachhaltigkeit von Projekten der Nachbarschaftshilfe für ältere Menschen.