Verhindern, dass sich Ungerechtigkeit fortpflanzt

Forscher der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn untersuchten, wie sich die Kette der sogenannten „generalisierten negativen Reziprozität“ durchbrechen lässt.

Wenn wir uns von jemandem unfair behandelt fühlen, richtet sich unsere Wut meist nicht nur gegen den Verursacher: Häufig bekommen auch unbeteiligte Dritte einen Teil unserer Aggressionen ab. Und diese verhalten sich dann aller Wahrscheinlichkeit nach anderen gegenüber ebenso. Psychologen bezeichnen diesen Prozess als „generalisierte negative Reziprozität“: Die beteiligten Parteien zahlen unfaires Verhalten mit gleicher Münze heim – und übertragen das Verhalten auch auf zunächst Unbeteiligte. Doch wie lässt sich diese unselige Kette durchbrechen? Dieser Frage gingen nun Wissenschaftler der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn in Zusammenarbeit mit Kollegen der Universität Lübeck nach.

„Diktatorspiel“ im Labor

Insgesamt 237 Probanden nahmen im BonnEconLab der Universität Bonn am sogenannten „Diktatorspiel“ teil. Ein Teil der Mitspieler schlüpfte in die Rolle der Diktatoren: Sie konnten darüber bestimmen, ob sie einen bestimmten Geldbetrag – zum Beispiel 25 Euro – entweder fair mit einem weiteren Teilnehmer teilen oder sich den größten Batzen gönnen und nur einen kleinen Rest weitergeben wollten.
Von den insgesamt 24 Diktatoren wählten 83 Prozent die unfaire Verteilvariante: Sie behielten das meiste Geld für sich. Die Mitspieler konnten dagegen nichts unternehmen und hatten das zu akzeptieren. Allerdings hatte das unfaire Verhalten Einfluss auf die Stimmung: Sie verschlechterte sich bei den Benachteiligten deutlich. Und tatsächlich führte dies dazu, dass sich die unfair Behandelten ebenfalls unfair gegenüber Dritten verhielten.

Distanzierung, Ablenkung oder offene Beschwerde

Um zu untersuchen, wie sich die Verkettung von Ungerechtigkeiten durchbrechen lässt, wurden mit einem Teil der Probanden drei verschiedene Möglichkeiten durchgespielt. Erstens: Eine Zwangspause von drei Minuten sollte für eine emotionale Distanzierung sorgen. Zweitens: Indem die Teilnehmer ein abstraktes, neutrales Bild beschreiben mussten, sollten sie sich ablenken. Drittens: In einer E-Mail durften sich die Betroffenen über ihre unfaire Behandlung beim „Diktator“ beschweren.

Ausweg aus der Verkettung negativer Gefühle

Es zeigte sich, dass die schriftliche Beschwerde bei der Bewältigung der negativen Emotionen am besten abschnitt, sogar dann, wenn die E-Mail den Diktator überhaupt nicht erreichte: Die Emotionen der Probanden beruhigten sich deutlich und sie verhielten sich anschließend fairer gegenüber Dritten. Die Wissenschaftler werten die Auseinandersetzung in schriftlicher Form entsprechend als ein geeignetes Mittel, die emotionale Aufladung herabzuregulieren und die Kette der Ungerechtigkeiten zu stoppen. Wenn die heftigsten Emotionen abgeklungen seien, setze bei den Betroffenen eine vernunftorientierte Neubewertung der Situation ein. Dies ermögliche, die Wut über Ungerechtigkeiten nicht direkt weiterzugeben.

Literatur

Strang, S., Grote, X., Kuss, K., Park, S.Q. & Weber, B. (2016). Generalized negative reciprocity in the dictator game – How to interrupt the chain of unfairness [PDF]. Scientific Reports, 6, 22316.

17. März 2016
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Symbolfoto: © lassedesignen – Fotolia.com


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