Vorteil Zweisprachigkeit

Entwicklungspsychologen der Universität Zürich untersuchten die kommunikativen Fähigkeiten zweisprachig aufwachsender Kinder.

Mehrsprachig aufwachsende Kinder verfügen im Durchschnitt pro Sprache über weniger Vokabeln als ihre Altersgenossen, benutzen häufiger unpassende Wörter oder falsche Satzkonstruktionen und wechseln während der Konversation öfter in eine andere Sprache. Schwierige Kommunikationssituationen sind damit vorprogrammiert. Doch kann das nicht auch von Vorteil sein? Dieser Frage gingen Entwicklungspsychologen der Universität Zürich in einer aktuellen Studie nach.

Spielerischer Versuch mit 111 Kleinkindern

Die insgesamt 111 kleinen Versuchspersonen im Alter von zwei bis drei Jahren wuchsen entweder einsprachig (mit Schweizerdeutsch als Muttersprache), mit zwei deutschen Dialekten (Hochdeutsch und Schweizerdeutsch) oder zweisprachig auf (Schweizerdeutsch und eine nichtdeutsche Sprache). Im Labor wurden sie gebeten, einem Stoffelefanten vier rote Schuhe anzuziehen. Die Versuchsleiterin tat, als suche sie einen der Schuhe, obwohl sich dieser für die Kinder gut sichtbar in ihrer Hand befand. Wenn die Kinder sie darauf aufmerksam machten, gab die Versuchsleiterin vor, die Kinder falsch verstanden zu haben und zeigte auf ein farbenfrohes Bild hinter sich. Die Forscher beobachteten nun, wie die Kinder in dieser Situation reagierten.

Zweisprachige Kinder räumen häufiger mit Missverständnissen auf

Zunächst zeigten sich keine Unterschiede zwischen den Gruppen: Die Mehrheit der Kinder machte die Versuchsleiterin auf den Verbleib des „fehlenden“ Schuhs aufmerksam – unabhängig von ihrem sprachlichen Hintergrund. Zweisprachige waren also Kinder nicht grundsätzlich kommunikativer. Allerdings versuchten sie häufiger als Altersgenossen, die einsprachig oder mit zwei Dialekten aufwuchsen, das Missverständnis richtig zu stellen – zum Beispiel, indem sie die Versuchsleiterin erneut auf den Schuh in ihrer Hand aufmerksam machten.

Sprache und das Verständnis komplexer Situationen

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass zweisprachige Kinder aufgrund ihrer Erfahrungen mit schwierigen Kommunikationssituationen geübter darin sind, sprachliche Missverständnisse zu entdecken und zu korrigieren. Das Ergebnis deute in die gleiche Richtung wie frühere Befunde zum Thema: Demnach habe Zweisprachigkeit auch einen Einfluss darauf hat, wie Kinder komplexe Situationen verstehen und mit ihnen umgehen.

Erst kürzlich hatten Forscher der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt zeigen können, dass bei  Mehrsprachigen die Fähigkeit, flexibel zu assoziieren, erhöht ist: Bei sprachlichen Kreativitätsaufgaben kamen sie signifikant häufiger zu so genannten „analogen Assoziationen“, die als Merkmal für besonders kreatives Denken verstanden werden können.

 

Literatur

Wermelinger, S., Gampe, A. & Daum, M.M. (2017). Bilingual toddlers have advanced abilities to repair communication failure [Abstract]. Journal of Experimental Child Psychology, 155, 84–94.

Onysko, A. (2016). Enhanced creativity in bilinguals? Evidence from meaning interpretations of novel compounds. International Journal of Bilingualism, 20 (3), 315–334.

 

21. Februar 2017
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychologie
Symbolfoto: © Stefano Reina – Fotolia.com 

 

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