Wann sind mehrere Ärzte besser als einer?

Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung untersuchte die Voraussetzungen für das Entstehen kollektiver Intelligenz.

Kollektive Intelligenz scheint ein vielversprechender Ansatz zu sein, um bessere Entscheidungen zu treffen. Doch funktioniert das wirklich? Und welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein? Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung untersuchten in einer aktuellen Studie, unter welchen Bedingungen eine Gruppe erfolgreicher ist als ihr bestes einzelnes Mitglied.

Betrachtung ärztlicher Entscheidungen

Für ihre Studie nutzten die Wissenschaftler zwei bereits vorhandene, große Datensätze zu ärztlichen Entscheidungen im Zusammenhang mit Brust- und Hautkrebsdiagnosen. So konnten sie auf über 20.000 Bewertungen von mehr als 140 Ärzten zurückgreifen und die Diagnosegenauigkeit der einzelnen Ärzte berechnen. Mit diesen Informationen simulierten sie, unter welchen Bedingungen kombinierte Diagnosen treffsicherer sind als Einzelentscheidungen. Angewendet wurden dabei zwei verschiedene Regeln: die Konfidenz- und die Mehrheitsregel: Während bei der Konfidenzregel die Diagnose desjenigen Arztes gilt, der sich seiner Einschätzung am sichersten ist, gilt bei der Mehrheitsregel die Einschätzung, die am häufigsten von den Ärzten genannt wurde.

Ähnlichkeit hinsichtlich der Fähigkeiten entscheidend

Es zeigte sich, dass es für die Qualität der Gruppenentscheidung vor allem wichtig war, dass sich die Ärzte hinsichtlich ihrer Diagnosegenauigkeit ähnelten. Nur dann konnten die kombinierten Entscheidungen mehrerer Ärzte die Entscheidung des besten Arztes der Gruppe überflügeln. Waren die Ärzte sehr unterschiedlich hinsichtlich ihrer Diagnosegenauigkeit, war durch Zusammenführung der Einzelmeinungen keine bessere Entscheidung zu erreichen. Dieser Effekt zeigt sich bei verschiedenen Gruppengrößen und auch unterschiedlichen Leistungsniveaus des besten Arztes innerhalb der Gruppe.

Gruppenentscheidungen nicht immer die besten

Die Forscher schließen aus ihren Ergebnissen, dass es nicht so ist, dass Gruppen immer zu besseren Entscheidungen gelangen. Besonders dann, wenn die individuellen Fähigkeiten innerhalb der Gruppe sehr unterschiedlich sind, sollte der Einschätzung des besten Mitglieds vertraut werden.

Literatur

Kurvers, R.H.J.M., Herzog, S.M., Hertwig, R., Krause, J., Carney, P.A., Bogart, A. et al. (in press). Boosting medical diagnostics by pooling independent judgments. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America.

26. Juli 2016
Quelle: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Symbolfoto: © rcfotostock – Fotolia.com


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