Wenn der Regelbruch zur Regel wird

Psychologen der Universitäten Tübingen und Würzburg untersuchten, was passiert, wenn unbescholtene und vorbestrafte Menschen gegen Regeln verstoßen.

Die meisten Menschen befolgen gewöhnlich die Regeln und Normen der Gesellschaft, in der sie leben. Gleichzeitig gibt es kaum jemanden, der nicht hin und wieder eine Regel bricht und etwa bei Rot über die Straße geht oder das falsch abgezählte Wechselgeld schmunzelnd und schweigend in die Tasche steckt. Frühere Studien haben gezeigt, dass auch leichte Regelverstöße nicht leichtfertig begangen werden, sondern Konflikte im Gehirn auslösen – was in einem kurzen Zögern äußert.

Regeln brechen im Computerspiel


Dieses Zögern nutzten Wissenschaftler der Universitäten Tübingen und Würzburg nun, um gemeinsam mit weiteren Kollegen herauszufinden, ob Konflikte im Gehirn auch bei Personen auftreten, die schon häufiger gegen Regeln verstoßen haben – den Insassen von Justizvollzugsanstalten. In ihrem Versuch verglichen die Forscher die Reaktionen von 21 wegen Diebstahls-, Betrugs- oder Fälschungsdelikten Inhaftierten mit der von 23 Kontrollpersonen: Alle waren während eines Computerspiels von Zeit zu Zeit aufgefordert, die Spielregeln bewusst zu brechen.

Konflikte im Gehirn, Umwege bei der Ausführung


Anhand der Mausbewegungen analysierten die Wissenschaftler, wie schwer oder leicht den Studienteilnehmern der Regelbruch fiel. Der Gedanke dahinter: Je schwieriger es ist, eine regelhafte Bewegung zu unterdrücken, desto mehr „Umweg“ sollte die resultierende Bewegung enthalten. Tatsächlich zeigten sich bei den nicht kriminellen Teilnehmern bei einem Regelbruch deutlich längere Wege als beim Befolgen der Regeln. Bei den Inhaftierten hingegen waren die zurückgelegten Wege in beiden Fällen gleich lang.

Kriminellen fallen Regelverstöße leichter


Diese Ergebnisse bestätigen frühere Studien, die besagen, dass sich das Gehirn beim Überschreiten von Regeln normalerweise mehr anstrengt als beim Befolgen von Regeln, sie zeigen aber auch, dass Regelbrecher es schaffen, diesen Konflikt nicht aufkommen zu lassen.
In weiteren Studien soll untersucht werden, ob fehlende Anstrengung beim Regelbruch beispielsweise auch die Grundlage für regelabweichendes Verhalten mit positiven Konsequenzen – wie etwa Zivilcourage oder hohe Kreativität – ist. Zudem wollen die Forscher herausfinden, ob vergleichbare Muster bereits bei Kindern und Jugendlichen beobachtet werden können.

Literatur
Jusyte, A., Pfister, R., Mayer, S.V., Schwarz, K.A., Wirth, R., Kunde, R. et al (in press). Smooth criminal: Convicted rule-breakers show reduced cognitive conflict during deliberate rule violations. Psychological Research.

17. Januar 2017

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Symbolfoto: © Brian Jackson – Fotolia.com


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