Wenn Lernen zu Vergessen führt

Ein ständiger Wechsel zwischen Lesen und Abrufen kann das Erinnern von ungeübten, aber verwandten Inhalten erschweren. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie aus der Gedächtnisforschung der Universität Regensburg.

Fast jeder kennt diese Situation: Eine Prüfung steht vor der Tür und es gilt, jede Menge Wissen zu wiederholen und sich einzuprägen. Oft steht dann die Frage im Raum: Auf welche Weise kann der geforderte Stoffumfang am effektivsten bewältigt werden? Psychologen der Universität Regensburg untersuchten in einer aktuellen Studie nun die dynamischen Zusammenhänge zwischen wiederholtem Lesen und eigenständigen Abrufübungen.
Zu diesem Zweck führten die Wissenschaftler zwei Experimente – einmal mit 84, einmal mit 48 Versuchspersonen – durch. In beiden Fällen hatten die Probanden die Aufgabe, sich mehrere Listen mit Begriffen aus verschiedenen Kategorien einzuprägen. Einige bereits gelernte Begriffe wurden dann entweder durch nochmaliges Lesen oder im Rahmen einer reinen Abrufübung wiederholt. In einer dritten Versuchsbedingung wurden diese beiden Lernmethoden kombiniert: Lesen und Abrufübungen wechselten sich mehrfach ab. Am Ende der beiden Experimente wurden die gelernten Begriffe schließlich abgefragt, um den Einfluss der verschiedenen Übungsbedingungen auf die Erinnerungsleistung zu vergleichen. Im ersten Experiment sollten sich die Probanden mit Hilfe eines Abrufhinweises erinnern, im zweiten Experiment die Begriffe lediglich wiedererkennen.
Frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass reines Abrufen im Vergleich zum Lesen zu besonders lang anhaltendem Erinnern der geübten Inhalte führen kann, gleichzeitig aber das Erinnern ungeübter verwandter Inhalte erschwert beziehungsweise deren Vergessen nach sich zieht. Dieses sogenannte abrufinduzierte Vergessen ist ein normaler Mechanismus, der uns vermutlich dabei hilft, das Gedächtnis effizient zu nutzen: Wichtiges wird dabei gestärkt, Unwichtiges unterdrückt.
Dieser Gedächtniseffekt zeigte sich auch in den beiden Experimenten der Regensburger Psychologen: Die reinen Abrufübungen führten im Vergleich zum wiederholenden Lesen zu einem verstärkten Vergessen ungeübter verwandter Inhalte. Zudem konnten die Wissenschaftler nun erstmals nachweisen, dass auch eine Kombination von abwechselndem Lesen und Abrufen ähnliche Ergebnisse wie reine Abrufübungen erbrachte, also zu einem abrufinduzierten Vergessen führte.
Die Forscher nehmen an, dass die Ursache für den beobachteten Effekt kombinierten Lernens darin zu suchen sei, dass Probanden in dieser Bedingung auch in den Phasen des wiederholenden Lesens geneigt seien, Items selbstständig abzurufen.

Literatur
Dobler, I. M. & Bäuml, K.-H. T. (in press). Retrieval-induced forgetting: Dynamic effects between retrieval and restudy trials when practice is mixed. Memory & Cognition.

Quelle: Universität Regensburg

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