Wer spricht denn da?

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften untersuchten Menschen mit Phonagnosie und sammelten Erkenntnisse über die neuronale Verarbeitung von Stimmen.

Einigen Menschen ist es nicht möglich, selbst enge Familienmitglieder und Freunde an ihrer Stimme zu erkennen: Sie leiden unter einer sogenannten "Phonagnosie". Was hinter diesem Phänomen steckt, war bisher kaum bekannt. Diese Forschungslücke versuchten nun Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig zu schließen.

Zwei Betroffene identifiziert

Mit Hilfe eines umfangreichen Online-Tests zur Stimmenerkennung und weiteren Messverfahren gelang es ihnen, unter mehr als 1.000 Probanden zwei zu finden, die unter einer angeborenen Phonagnosie litten. Beide konnten zwar problemlos verstehen, was andere Personen sagten, und einschätzen, in welcher Stimmung diese gerade waren. Die Betroffenen waren jedoch nicht in der Lage, einer Stimme eine Identität zuzuordnen, wenn sie die Person nicht gleichzeitig sahen.

Gestörte Stimmerkennung im Temporallappen

Es zeigte sich, dass die Hauptursache für Phonagnosie ein Fehler in stimmenselektiven Hirnarealen und deren Verbindungen im rechten Temporallappen ist, also in Arealen, die auf die Stimmenidentität spezialisiert sind.

Zwei Arten der Phonagnosie

Interessanterweise konnten die Forscher dabei auch neurowissenschaftlich belegen, was sie bereits in Verhaltensstudien beobachtet hatten: Es gibt zwei Arten der Phonagnosie, die auf verschiedenen neuronalen Fehlfunktionen basieren. So litt einer der Probanden unter Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung von Stimmen und konnte zwei unbekannte Sprecher nicht voneinander unterscheiden. Bei dieser Person waren die stimmenselektiven Hirnareale weniger aktiv als bei gesunden Menschen. Der zweite Proband wiederum konnte zwar prinzipiell Sprecher voneinander unterscheiden, ihm fiel es jedoch sehr schwer, mit einer Stimme persönliche Informationen zu verknüpfen. Dieses Defizit ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass die Verbindung zwischen den stimmenselektiven Arealen und den Hirnregionen, die die Stimme weiterverarbeiten und ihr etwa einen Namen zuordnen, nicht richtig funktioniert.

Stimmerkennung aus zwei Komponenten

Die Unterformen der Phonagnosie belegen, dass sowohl die Wahrnehmung der Stimme als auch die Assoziation weiterer Informationen für die Stimmerkennung wichtig sind. Diese Erkenntnis könnte nicht nur helfen, Phonagnosie besser zu verstehen und darauf aufbauend Therapien zu entwickeln, um Betroffenen zu helfen: Sie liefern auch wichtige Erkenntnisse darüber, wie unser Gehirn generell Stimmen verarbeitet. An gesunden Probanden lassen sich solche Hirnprozesse nur schwer untersuchen, da sich weniger gut voneinander trennen lässt, wann Inhalt, Emotion oder Identität verarbeitet werden.

Literatur
Roswandowitz, C., Schelinski, S. & von Kriegstein, K. (2017). Developmental phonagnosia: Linking neural mechanisms with the behavioural phenotype [Abstract]. Neuroimage, 155, 97–112.

25. Mai 2017
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Symbolfoto: © ave_mario – Fotolia.com

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